Policy Analyse
Kalter Krieg II:
Der strategische Aufstieg des Globalen Südens und die Neuordnung des Nahen Ostens
Melih Can Erdönmez
15. August 2026
Der Nahe Osten wird erneut zum zentralen Austragungsraum internationaler Machtkonkurrenz – allerdings ohne die klaren Blockstrukturen des ersten Kalten Krieges.
Stellvertreter und regionale Partner bleiben wichtig, handeln jedoch zunehmend eigenständig. Großmächte können Einfluss ausüben, kontrollieren die Interessen und Entscheidungen ihrer Partner aber nicht vollständig.
Syrien und Iran zeigen zwei Seiten dieser Entwicklung: In Syrien zerfällt eine frühere Patronageordnung, während im Iran eine auf regionalen Partnern beruhende Sicherheitsstrategie unter Druck gerät und indirekte Konflikte zunehmend in direkte Konfrontationen übergehen.
Die Konkurrenz wird nicht nur militärisch geführt. Handel, Energie, Rohstoffe, Technologie, Kapital, Infrastruktur und Lieferketten sind selbst zu Instrumenten geopolitischer Macht geworden.
„Kalter Krieg II“ beschreibt daher keine Wiederholung des ersten Kalten Krieges, sondern eine ähnliche Konfliktlogik unter neuen Bedingungen: weniger feste Blöcke, mehr Netzwerke und deutlich komplexere Abhängigkeiten – und regionale Akteure die ihre eigene Ordnung zunehmend selbst gestalten.
Bildquelle: Syrische Rebellen halten im Oktober 2012 im umkämpften Aleppo Stellung. Das Bild steht exemplarisch für eine Form des Krieges, in der lokale Akteure zum Träger größerer regionaler und internationaler Machtkonflikte werden.
Foto: Javier Manzano / AFP
Lesezeit: 25 Minuten
Kalter Krieg II:
Der strategische Aufstieg des Globalen Südens und die Neuordnung des Nahen Ostens
“Nuclear powers must avert those confrontations which bring an adversary to a choice of either a humiliating retreat or a nuclear war.”
— John F. Kennedy, 1963
Als ich mich 2024 zum ersten Mal mit der Frage beschäftigte, ob sich im Nahen Osten eine neue Form des Kalten Krieges abzeichnet, schien der Vergleich naheliegend. Iran übte einen großen Teil seines regionalen Einflusses über die Hisbollah und verbündete Milizen aus. Russland hielt gemeinsam mit Teheran das Assad-Regime an der Macht. Die Vereinigten Staaten unterstützten Israel und sicherten ihre Partner am Golf militärisch ab. Die dahinterstehenden Mächte waren sichtbar – aber ein erheblicher Teil ihrer Konkurrenz wurde nicht unmittelbar zwischen ihnen ausgetragen.
Heute würde ich denselben Text so nicht mehr schreiben.
Nicht weil die damalige Beobachtung falsch war. Sondern weil sich gerade jene Grenze verschoben hat, auf der sie beruhte: die Grenze zwischen demjenigen, der einen Konflikt unterstützt, und demjenigen, der ihn selbst führt.
Seit 2024 ist Assads Ordnung zusammengebrochen, Irans regionales Netzwerk wurde erheblich geschwächt und aus der lange überwiegend indirekten Konfrontation zwischen Iran und Israel entwickelte sich offene militärische Gewalt. Seit Februar 2026 greifen auch amerikanische Streitkräfte Iran unmittelbar an.
Die Vorstellung, dass Großmächte wie die USA oder Russland ihre Partner in der Region wie Schachfiguren steuern könnten, greift in der Gegenwart nicht mehr. Vielmehr erleben wir eine Emanzipation der regionalen Akteure. Aus ehemaligen Verbündeten sind eigenständige Machtzentren geworden, die ihre eigenen strategischen Agenden verfolgen – oft auch gegen den erklärten Wunsch ihrer globalen Schutzmächte. Allianzen sind keine Einbahnstraßen mehr, sondern wechselseitige Abhängigkeiten, bei denen lokale Akteure die globalen Großmächte geopolitisch mitziehen.
Dadurch veränderte sich über die Zeit die Sicherheitsarchitektur im nahen Osten selbst.
Israel ist heute nicht nur engster militärischer Partner der USA in der Region, sondern selbst ein hochgerüstetes regionales Machtzentrum: SIPRI zählt das Land zu den neun Nuklearwaffenstaaten und geht davon aus, dass Israel sein Arsenal weiter modernisiert; hinzu kommen eine hochentwickelte Raketenabwehr, Cyberfähigkeiten und eine starke konventionelle Armee.
Gleichzeitig entstehen neue regionale Sicherheitsstrukturen außerhalb der klassischen amerikanischen Bündnisarchitektur. Das im August 2026 geschlossene Verteidigungsabkommen zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan verpflichtet die drei Staaten zu gegenseitigem Beistand. Mit Pakistan wird damit eine weitere Atommacht enger an die regionale Sicherheitsordnung gebunden, während die Türkei zusätzlich ihre NATO-Mitgliedschaft und eigenen militärisch-technologischen Fähigkeiten einbringt.
Zugleich wird die Sicherheitsordnung durch Staaten geprägt, in denen staatliche und nichtstaatliche Machtstrukturen ineinandergreifen: Im Libanon bleibt die Hisbollah ein eigenständiger militärischer Faktor, im Irak verfügen Iran-nahe Milizen über erheblichen Einfluss, Iran selbst stützt sich weiterhin auf regionale Partnernetzwerke, und mit dem Taliban-regierten Afghanistan liegt unmittelbar östlich Irans ein weiterer sicherheitspolitisch weitgehend eigenständig agierender Akteur.
Kennedys Satz beschrieb eine Eskalationsgrenze, die den ersten Kalten Krieg entscheidend prägte. Nur befindet sich diese Grenze heute nicht mehr zwischen zwei relativ klar organisierten Supermachtblöcken. Sie verläuft durch eine Ordnung aus amerikanischen Sicherheitsgarantien, regionalen Militärmächten, neuen Verteidigungspakten, nuklearen Fähigkeiten und Staaten, die gleichzeitig mit mehreren konkurrierenden Machtzentren zusammenarbeiten.
Man könnte annehmen, der zweite Kalte Krieg wird keine Kopie des ersten, sondern seine Fortsetzung unter veränderten Bedingungen. Schließlich ist die Konkurrenz um Einfluss, Sicherheit und strategische Räume geblieben. Verändert haben sich aber ihre Mechanismen: zwei Blöcke werden zu überlappenden Netzwerken; Stellvertreter handeln eigenständiger; indirekte Konflikte können in direkte Gewalt übergehen; und neben militärischer Macht entscheiden zunehmend Handel, Energie, Technologie, Infrastruktur und wirtschaftliche Abhängigkeiten darüber, wer über Handlungsspielraum verfügt.
Der Nahe Osten ist dabei nicht nur ein weiteres Schaugebiet internationaler Konkurrenz. Er ist derzeit einer der Orte, an denen sich am deutlichsten beobachten lässt, wie diese neue Ordnung funktioniert.
Ein Kalter Krieg ohne zwei klare Blöcke
In einer früheren Fassung dieser Überlegung habe ich die internationale Ordnung noch relativ deutlich in einen westlichen, einen östlichen und einen zunehmend selbstbewussten globalen Süden unterteilt. Ausgangspunkt war unter anderem G. John Ikenberrys Beschreibung des Globalen Südens als einer heterogenen Gruppe von Staaten, deren Wunsch nach Entwicklung, Mitsprache und Status ihnen zunehmende Bedeutung in der internationalen Ordnung verleiht (Ikenberry, 2024).
Zwei Jahre später erscheint gerade dieser dritte Teil der Argumentation wichtiger als die vermeintlich klare Gegenüberstellung von West und Ost.
Denn eine neue Blockbildung findet durchaus statt – aber sie ist weder geschlossen noch klar erkenntlich.
Warum trotzdem „Kalter Krieg“?
Der Begriff darf dabei nicht allein daraus abgeleitet werden, dass einzelne Staaten ihre jeweiligen Partner unterstützen, ohne selbst unmittelbar in einen Krieg einzutreten. Das wäre auch in gewöhnlichen Bündniskriegen möglich. Entscheidend für die Analogie zum Kalten Krieg ist vielmehr die Existenz einer dauerhaften übergeordneten Konkurrenz um Macht, Einfluss und internationale Ordnung, die einzelne Konflikte überdauert und auf mehreren Ebenen gleichzeitig ausgetragen wird. Schon der erste Kalte Krieg bestand deshalb nicht aus einem permanenten direkten Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Die Rivalität zeigte sich vielmehr in Rüstungswettbewerben, Bündnissystemen, wirtschaftlichem und technologischem Wettbewerb, politischem Einfluss sowie zahlreichen regionalen Kriegen, ohne dass Washington und Moskau ihre gesamte Konkurrenz unmittelbar militärisch gegeneinander austrugen (Gaddis, 2005).
Eine ähnliche übergeordnete Konkurrenz lässt sich auch heute beobachten, allerdings unter veränderten Bedingungen.
Die Vereinigten Staaten, China und Russland konkurrieren um militärischen Einfluss, technologische Fähigkeiten, Handelsbeziehungen, Energie- und Rohstoffzugänge, Infrastruktur und politische Partnerschaften. Diese Rivalitäten reichen über einzelne Kriege hinaus: Der Konflikt in der Ukraine, die Spannungen um Taiwan oder die Auseinandersetzungen im Nahen Osten besitzen jeweils eigene Ursachen und Akteure, sind gleichzeitig aber in eine breitere internationale Konkurrenz eingebettet. Entscheidend ist dabei, dass diese Machtzentren trotz ihrer Rivalität weiterhin versuchen, eine umfassende direkte militärische Konfrontation miteinander zu vermeiden. „Kalt“ ist deshalb nicht jeder einzelne Schauplatz. Kalt bleibt die übergeordnete Konkurrenz zwischen denjenigen Mächten, die ihre gesamte Auseinandersetzung bislang nicht unmittelbar gegeneinander austragen.
Gerade hier unterscheidet sich ein solcher Kalter Krieg von einem gewöhnlichen Krieg zwischen mehreren Staaten. Ein Krieg kann zeitweise Koalitionen hervorbringen, deren Zusammenarbeit unmittelbar an einen bestimmten Konflikt gebunden ist. Eine strategische Konkurrenzordnung dagegen besteht auch dann fort, wenn einzelne Kriege enden oder Bündnisse sich verändern. Sie beeinflusst, welche Staaten aufgerüstet werden, welche Technologien geschützt, welche Handelswege abgesichert und welche politischen Partnerschaften aufgebaut werden. Militärische Konflikte sind damit nur eine Ebene einer wesentlich umfassenderen Konkurrenz.
Das „2.0“ liegt wiederum darin, dass diese Ordnung nicht mehr in zwei annähernd geschlossene Blöcke zerfällt. Staaten können sicherheitspolitisch mit den Vereinigten Staaten verbunden sein und gleichzeitig wirtschaftlich mit China kooperieren; Russland und China können mit Iran zusammenarbeiten, ohne dessen Kriege automatisch zu ihren eigenen zu machen. Gleichzeitig verfügen regionale Mächte über größere Möglichkeiten, konkurrierende Beziehungen für eigene Interessen zu nutzen. Der Globale Süden bildet damit weder einen einheitlichen dritten Block noch lediglich den Schauplatz fremder Großmachtpolitik. Vielleicht liegt die entscheidende Veränderung vielmehr darin, dass diejenigen Akteure, die im ersten Kalten Krieg häufig als Stellvertreter betrachtet wurden, heute zunehmend selbst darüber entscheiden, mit wem sie kooperieren, wo sie sich heraushalten und welche regionale Ordnung sie anstreben.
Um den auf dem Grund zu gehen, macht es Sinn, sich einige der Parteien konkreter anzuschauen.
Blockbildung im Nahen Osten - Übersicht:
China und Russland sind für die Frage nach einer neuen Blockbildung besonders relevant, weil sie am ehesten als gemeinsames Gegengewicht zur amerikanisch geprägten Ordnung auftreten. Beide Staaten lehnen eine von den USA dominierte internationale Ordnung ab, stimmen sich diplomatisch enger ab, bauen ihre Wirtschafts- und Energiebeziehungen aus und vertiefen auch ihre militärische Zusammenarbeit. Gleichzeitig verfolgen sie jedoch keine vollständig gemeinsame Strategie: Russland ist stärker auf militärische Machtprojektion und die unmittelbare Konfrontation mit dem Westen angewiesen, während China vor allem wirtschaftliche Stabilität, Handel und langfristigen Einfluss sichern will. Zudem besteht zwischen beiden Staaten keine mit der NATO vergleichbare gegenseitige Beistandsstruktur. Gerade deshalb sind China und Russland ein wichtiger Ausgangspunkt: Selbst dort, wo sich ein möglicher Gegenpol zu den USA am deutlichsten abzeichnet, entsteht bislang kein geschlossener „östlicher Block“, sondern eine strategische Partnerschaft mit unterschiedlichen Interessen und Grenzen (Reid, 2026).
Auch Chinas Beziehungen zu Iran zeigen die Grenzen einer einfachen Ost-West-Logik. Beijing ist für Teheran wirtschaftlich äußerst wichtig; umgekehrt ist Iran für China nur einer von mehreren strategischen Partnern im Nahen Osten. China hat deshalb bislang vermieden, seine wirtschaftliche Partnerschaft mit Iran in ein uneingeschränktes militärisches Schutzversprechen zu übersetzen (Hass & Matthias, 2026; Ministry of Foreign Affairs of the People’s Republic of China, 2026). Beijing kann Teheran wirtschaftlich und diplomatisch stützen, ohne deshalb dieselben Risiken übernehmen zu wollen wie ein klassischer militärischer Verbündeter.
Noch deutlicher wird diese Überlagerung bei der Türkei. Ankara ist seit 1952 Mitglied der NATO und damit institutionell fest in die westliche Sicherheitsarchitektur eingebunden. Gleichzeitig unterhält die Türkei seit Jahren eine außergewöhnlich enge und zugleich konfliktreiche Beziehung zu Russland. Beide Staaten standen in Syrien wiederholt auf unterschiedlichen Seiten, konkurrieren um Einfluss und verfolgen auch im Schwarzen Meer nicht dieselben Interessen. Trotzdem blieben Handel, Energiebeziehungen und politische Gesprächskanäle zwischen Ankara und Moskau bestehen. Russland besitzt insbesondere für die türkische Energieversorgung weiterhin erhebliche Bedeutung. Die Beziehung lässt sich deshalb weder als Bündnis noch als einfache Gegnerschaft beschreiben: Kooperation und Konkurrenz bestehen gleichzeitig (Ülgen et al., 2024).
Saudi-Arabien folgt einer ähnlichen, wenn auch anders gelagerten Strategie. Das Königreich bleibt sicherheitspolitisch eng mit den Vereinigten Staaten verbunden, hat seine Beziehungen zu China aber gleichzeitig erheblich ausgebaut und versucht, auch gegenüber Iran eigene diplomatische Kanäle offenzuhalten. Mit dem im August 2026 geschlossenen Verteidigungsabkommen zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan kommt eine weitere Ebene hinzu: Sicherheit wird nicht mehr ausschließlich über die amerikanische Schutzarchitektur organisiert, ohne dass Riad deshalb seine Beziehungen zu Washington aufgibt. Gerade diese Gleichzeitigkeit ist entscheidend. Ein neuer regionaler Sicherheitsverbund muss nicht automatisch Teil eines chinesisch-russischen Gegenblocks sein (The White House, 2025; MFA PRC, 2026; Reuters, 2026; Azhari et al., 2026).
Ägypten macht dieses Muster noch deutlicher. Die Vereinigten Staaten und Ägypten verfügen über eine jahrzehntelange militärische Partnerschaft; noch 2025 führten beide Staaten mit Bright Star eine der weltweit größten multinationalen Militärübungen durch. Gleichzeitig bezeichnet Beijing Ägypten als umfassenden strategischen Partner und will die Zusammenarbeit inzwischen ausdrücklich auch in militärischen Fragen, künstlicher Intelligenz, Handel und Industrie vertiefen. Kairo gehört außerdem zu BRICS. Parallel dazu hat die Europäische Union ihre Beziehungen zu Ägypten seit 2024 zu einer umfassenden strategischen Partnerschaft ausgebaut; im März 2026 fand erstmals ein eigener EU-ägyptischer Sicherheits- und Verteidigungsdialog statt. Ägypten ist damit sicherheitspolitisch mit Washington verbunden, strategisch und wirtschaftlich eng mit Beijing verflochten und zugleich institutionell stärker an Europa angebunden (Benjami-Elias, 2025; MFA PRC, 2026; Council of the European Union, 2026).
Auch Irak passt nur schwer in eine klassische Blocklogik. Bagdad unterhält weiterhin sicherheitspolitische Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, während China zu seinen wichtigsten wirtschaftlichen Partnern gehört. Gleichzeitig besitzen Iran und mit Teheran verbundene politische und bewaffnete Gruppen seit Jahren erheblichen Einfluss innerhalb des Landes. Anders als im ersten Kalten Krieg verlaufen die konkurrierenden Bindungen hier deshalb nicht einmal ausschließlich zwischen verschiedenen Staaten. Sie können sich innerhalb eines Staates überlagern (Hamra, 2026).
Israel erscheint zunächst als Gegenbeispiel. Kaum ein Staat der Region ist sicherheitspolitisch so eindeutig mit den Vereinigten Staaten verbunden. Doch selbst dort endet die außenpolitische Verflechtung nicht an der vermeintlichen Blockgrenze. Der nichtmilitärische Handel zwischen Israel und China besteht fort; nach Angaben des Congressional Research Service war China zuletzt nach den Vereinigten Staaten und der EU Israels drittgrößter Handelspartner. Gleichzeitig haben israelische Sicherheitsbehörden chinesische Investitionen stärker unter Beobachtung gestellt – gerade weil Washington den technologischen und infrastrukturellen Einfluss Beijings zunehmend als Sicherheitsproblem betrachtet. Israel zeigt damit eine wichtige Grenze des Hedgings: Im sicherheitspolitischen Kern ist die Zuordnung vergleichsweise eindeutig, wirtschaftlich bestehen Beziehungen über diese Grenze hinweg fort (Sharp, 2025; Hamzawy & Selfe, 2026).
Beim Libanon wird das Bild noch komplizierter. Hier lassen sich die konkurrierenden außenpolitischen Bindungen kaum dem Staat als Ganzem zuschreiben. Iran übte über die Hisbollah über Jahrzehnte erheblichen politischen und militärischen Einfluss aus, während die Vereinigten Staaten und europäische Staaten parallel die libanesischen Streitkräfte und staatlichen Institutionen unterstützen. Die EU beschloss im Juni 2026 weitere 100 Millionen Euro zur Stärkung der Lebanese Armed Forces und verband dies ausdrücklich mit dem Ziel, das staatliche Gewaltmonopol zu stärken und nichtstaatliche bewaffnete Akteure wie die Hisbollah zu entwaffnen. Gleichzeitig vermittelt Washington zwischen Beirut und Israel, während Teheran versucht, seinen verbleibenden Einfluss über die Hisbollah zu erhalten. Im Libanon überlagern sich die konkurrierenden Machtzentren damit nicht nur in den Außenbeziehungen des Staates, sondern innerhalb seiner politischen und sicherheitspolitischen Ordnung selbst (Masters, 2026; Council of the European Union, 2026; Bassam et al., 2026; Reuters, 2026).
Genau hier liegt der Unterschied zur klassischen Vorstellung zweier Blöcke. Die Vereinigten Staaten verfügen weiterhin über das mit Abstand dichteste militärische Bündnis- und Partnerschaftsnetz in der Region. China baut parallel wirtschaftliche, diplomatische und zunehmend auch sicherheitspolitische Beziehungen aus. Russland bleibt trotz seines Bedeutungsverlusts in einzelnen Staaten präsent, Iran verfügt weiterhin über eigene regionale Netzwerke, und die Europäische Union tritt vor allem wirtschaftlich, diplomatisch und zunehmend auch sicherheitspolitisch als eigenständiger Akteur auf. Diese Netzwerke decken sich aber nicht (Hamzawy & Selfe, 2026).
Die Zugehörigkeit zu einem Sicherheitsnetzwerk bestimmt deshalb nicht mehr automatisch, zu welchem wirtschaftlichen oder diplomatischen Lager ein Staat gehört.
Die Türkei kann NATO-Mitglied bleiben und gleichzeitig mit Russland kooperieren. Saudi-Arabien kann amerikanische Sicherheitsunterstützung nutzen, Beziehungen zu China und Iran pflegen und parallel mit der Türkei und Pakistan eine neue Verteidigungsstruktur schaffen. Ägypten kann mit amerikanischen Streitkräften üben, eine umfassende strategische Partnerschaft mit China unterhalten und seine sicherheitspolitischen Beziehungen zur Europäischen Union vertiefen. Selbst Israel bleibt trotz seiner außergewöhnlich engen Bindung an Washington wirtschaftlich mit China verflochten.
Das unterscheidet die gegenwärtige Ordnung fundamental vom klassischen Kalten Krieg: Viele Staaten wollen sich gerade nicht entscheiden.
Sie versuchen vielmehr, mehrere Beziehungen gleichzeitig aufrechtzuerhalten und daraus Handlungsspielräume zu gewinnen. Ein Staat kann wirtschaftlich in einem Netzwerk, sicherheitspolitisch in einem zweiten und diplomatisch in einem dritten verankert sein.
Das macht die Welt nicht weniger konfliktanfällig. Es macht vor allem die Vorstellung zweier sauber voneinander getrennter Lager zunehmend unbrauchbar.
Das bedeutet allerdings nicht, dass feste Zuordnungen vollständig verschwunden wären. Vielmehr zeigt sich ihre Begrenztheit besonders dort, wo zuvor noch vergleichsweise klare Abhängigkeiten bestanden. Syrien ist dafür ein besonders deutliches Beispiel:
Syrien: Wenn eine Stellvertreterordnung zusammenbricht
Der Sturz Bashar al-Assads am 8. Dezember 2024 veränderte die regionale Ordnung innerhalb weniger Tage. UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete das Ende des Assad-Regimes als historische Chance für die syrische Bevölkerung und verband diese zugleich mit der Forderung nach einem geordneten, inklusiven politischen Übergang sowie der Wiederherstellung von Syriens Souveränität, Einheit und territorialer Integrität (United Nations Secretary-General, 2024). Für Iran und Russland bedeutete der Zusammenbruch des Regimes einen erheblichen strategischen Verlust: Beide Staaten hatten Assad über Jahre militärisch und politisch gestützt; Iran zusätzlich über die Hisbollah und weitere verbündete Milizen, Russland insbesondere seit seiner direkten militärischen Intervention 2015. Syrien war für Teheran zugleich ein zentraler Bestandteil der Verbindung zum Libanon und zur Hisbollah, während Tartus und Hmeimim Moskau militärische Projektionsmöglichkeiten im östlichen Mittelmeer eröffneten (Blanchard, 2025; Spicer & Gebeily, 2024).
4.1 Wer stürzte Assad – und warum gerade Ende 2024?
Der Zusammenbruch des Regimes lässt sich allerdings nicht sinnvoll mit der Formel „HTS stürzte Assad“ allein erklären. Die Offensive begann am 27. November 2024 im Nordwesten Syriens. Der UN-Sondergesandte für Syrien beschrieb vor dem Sicherheitsrat die al-Fateh-al-Mubeen Operationszentrale als den Verband, der den Angriff über die bisherigen Deeskalationslinien eröffnete; er umfasste Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) sowie weitere bewaffnete Oppositionsgruppen, darunter Kräfte der Syrian National Army (SNA). Innerhalb weniger Tage gingen große Teile der Gouvernements Aleppo und Idlib an nichtstaatliche Akteure verloren (United Nations Security Council, 2024). HTS war dabei die organisatorisch stärkste Kraft und Ahmed al-Sharaa einer der zentralen strategischen Planer der Nordoffensive, aber die militärische Dynamik beruhte auf mehreren, teilweise nur begrenzt koordinierten Akteursgruppen (Spicer & Gebeily, 2024).
Gerade die Unterscheidung zwischen HTS und SNA ist wichtig. Die SNA ist kein Synonym für HTS, sondern ein von der Türkei unterstütztes Dach unterschiedlicher syrischer Oppositionsgruppen. Reuters rekonstruierte nach dem Sturz Assads, dass HTS und SNA vor Beginn der Offensive zwar Absprachen getroffen hatten, diese Koordination aber als begrenzt beschrieben wurde: Ein wesentliches Ziel bestand darin, parallel operieren zu können, ohne gegeneinander zu kämpfen. Während HTS-geführte Kräfte von Aleppo über Hama und Homs in Richtung Damaskus vorstießen, nutzten Türkei-nahe SNA-Verbände die neue Lage zugleich, um im Norden Gebiete von US-gestützten kurdischen Kräften zu erobern, darunter Tel Rifaat; auch Manbij wurde zum Schauplatz dieser parallelen Offensive (Spicer & Gebeily, 2024). Die verschiedenen Oppositionsakteure teilten damit den Gegner Assad, nicht aber zwingend dieselben strategischen Prioritäten.
Auch die Rolle der Türkei sollte weder unterschätzt noch überzeichnet werden. Ankara war seit Beginn des Bürgerkriegs einer der wichtigsten Unterstützer der syrischen Opposition, unterhielt eigene Truppen im Norden und unterstützte die SNA. Nach Angaben zweier von Reuters zitierter Quellen hatten Oppositionsvertreter die Türkei Monate vor dem Angriff über ihre Pläne informiert und interpretierten Ankaras Verhalten als stillschweigende Zustimmung. Türkische Regierungsvertreter widersprachen jedoch der Darstellung, die Offensive sei von Ankara angeordnet oder formal „freigegeben“ worden; ein türkischer Vertreter erklärte ausdrücklich, HTS erhalte keine operativen Weisungen von der Türkei. Belastbar ist daher vor allem: Die Türkei kannte das oppositionelle Umfeld sehr genau, verfügte über erheblichen Einfluss auf Teile der bewaffneten Opposition und wurde nach Assads Sturz zu einem der stärksten externen Akteure – eine direkte türkische Steuerung der HTS-Offensive lässt sich daraus jedoch nicht ableiten (Spicer & Gebeily, 2024).
Im Süden reaktivierten sich in der Zwischenzeit bewaffnete Gruppen in Daraa, Suwayda und Quneitra, von denen einige nach den russisch vermittelten „Versöhnungsabkommen“ von 2018 zwar formal demobilisiert, aber lokal weiterhin bewaffnet geblieben waren. Diese Gruppen bildeten im Dezember 2024 eine gemeinsame Operationsstruktur und koordinierten sich mit den nördlichen Kräften. Nach der Rekonstruktion der Associated Press erreichten südliche Kämpfer zentrale Teile von Damaskus sogar vor den aus dem Norden kommenden HTS-geführten Verbänden. Das erklärt zugleich, weshalb sich die neue Führung nach dem Sieg nicht einfach auf eine einzige Rebellenarmee stützen konnte: Im Land existierten weiterhin unterschiedliche lokale Kommandostrukturen, politische Traditionen und externe Beziehungen (Sewell, 2025).
Für die Einordnung der vielen bewaffneten Organisationen ist außerdem eine begriffliche Trennung nötig. HTS war zum Zeitpunkt der Offensive in den Vereinigten Staaten noch als Foreign Terrorist Organization gelistet und wurde von den Vereinten Nationen im Dezember 2024 als terroristische Gruppe bezeichnet (United Nations Security Council, 2024; U.S. Department of State, 2025). Daraus folgt aber nicht, dass jede bewaffnete Oppositionsgruppe, die gegen Assad kämpfte, als Terrororganisation eingestuft war. Ebenso wenig gehörte der sogenannte Islamische Staat (IS/ISIS) zur Koalition, die Assad stürzte. Im Gegenteil: Der IS blieb ein eigenständiger Gegner sowohl der neuen Kräfte als auch der USA und der kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF). Noch am 8. Dezember 2024 griff das U.S. Central Command mehr als 75 bekannte IS-Ziele in Zentralsyrien an, ausdrücklich um zu verhindern, dass die Organisation das Machtvakuum für eine Reorganisation nutzte (U.S. Central Command, 2024).
Auch andere jihadistische Netzwerke verschwanden mit dem Aufstieg von HTS nicht aus Syrien. Das Congressional Research Service verweist etwa auf Hurras al-Din, eine al-Qaida-nahe Abspaltung, die aus Gegnern von al-Sharaas Distanzierung von al-Qaida hervorging. HTS ging später selbst gegen al-Qaida-nahe Akteure vor. Diese Entwicklung macht die syrische Akteurslandschaft gerade so schwer in ein einfaches Schema zu pressen: Aus einem jihadistischen Milieu entstanden miteinander konkurrierende Organisationen, während parallel national orientierte Oppositionsgruppen, kurdisch geführte Kräfte, lokale südliche Milizen und ausländisch unterstützte Verbände eigene Ziele verfolgten (Blanchard, 2025).
Der militärische Erfolg der Opposition war zugleich nur möglich, weil das Assad-System zu einem außergewöhnlich ungünstigen Zeitpunkt getroffen wurde. Reuters beschrieb die syrischen Streitkräfte Ende 2024 als demoralisiert und organisatorisch ausgehöhlt. Gleichzeitig waren Assads wichtigste externe Unterstützer deutlich weniger handlungsfähig als noch 2015: Russland war durch seinen Krieg gegen die Ukraine gebunden; Iran und vor allem die libanesische Hisbollah waren durch die Konfrontation mit Israel geschwächt. Die Hisbollah hatte bereits vor der Offensive Elitekräfte aus Syrien abgezogen, und israelische Angriffe hatten ihre Führung und militärische Struktur schwer getroffen. Die Offensive begann am 27. November, am selben Tag, an dem die Waffenruhe im damaligen Israel-Hisbollah-Konflikt in Kraft trat (Spicer & Gebeily, 2024).
Israel war damit keine Partei der Rebellenkoalition, spielte für die strategischen Ausgangsbedingungen aber eine indirekte Rolle. Die Schwächung der Hisbollah und iranisch verbundener Strukturen reduzierte gerade jene externe Unterstützung, die Assad in früheren Phasen des Bürgerkriegs vor dem Zusammenbruch bewahrt hatte. Zugleich war Russland nicht bereit oder nicht in der Lage, die militärische Rettungsleistung von 2015 zu wiederholen. Der Fall Assads war deshalb weniger das Produkt eines einzigen ausländischen Masterplans als das Zusammentreffen mehrerer Entwicklungen: einer besser vorbereiteten HTS-geführten Offensive, paralleler SNA-Operationen, der Remobilisierung südlicher Gruppen, des inneren Verfalls der syrischen Streitkräfte und einer regionalen Machtverschiebung, die Assads wichtigste Schutzmächte schwächte (Blanchard, 2025; Sewell, 2025; Spicer & Gebeily, 2024).
Syrien lässt sich damit nicht einfach als klassischer Stellvertreterkrieg lesen, in dem externe Mächte jeweils klar kontrollierte Akteure gegeneinander antreten lassen. Ausländische Staaten prägten die Bedingungen des Konflikts erheblich, bestimmten seinen Ausgang aber nicht allein. Genau darin zeigt sich eine der Veränderungen, die mit einem Kalten Krieg 2.0 verbunden sind: Regionale und lokale Akteure verfügen über größere eigene Handlungsspielräume, während sich die Interessen mehrerer externer Mächte gleichzeitig überlagern. Der Sturz Assads war deshalb nicht das Ergebnis einer klaren Blockkonfrontation, sondern einer Machtverschiebung, die von außen ermöglicht, vor Ort aber eigenständig genutzt wurde.
4.2 Vom Dschihadisten zum Präsidenten? Ahmed al-Sharaas Weg nach Damaskus
Kaum eine Biografie macht die politische Transformation Syriens so sichtbar wie die Ahmed al-Sharaas. Gleichzeitig ist gerade hier begriffliche Genauigkeit wichtig. Ihn schlicht als „ehemaligen IS-Anhänger“ zu bezeichnen, wäre verkürzt. Nach Angaben des Congressional Research Service reiste al-Sharaa in den 2000er-Jahren in den Irak und schloss sich der Organisation an, aus der al-Qaida im Irak (AQI) hervorging. US-Streitkräfte nahmen ihn Mitte der 2000er-Jahre fest; mehrere Jahre verbrachte er in US-Gewahrsam, bevor er um 2010/2011 freikam. Nach Beginn des syrischen Aufstands nahm er Kontakt zu früheren Mitstreitern auf, die inzwischen im Islamic State of Iraq (ISI) organisiert waren, und besprach mit Abu Bakr al-Baghdadi den Aufbau einer jihadistischen Struktur in Syrien (Blanchard, 2025).
Aus diesem Umfeld entstand die Jabhat al-Nusra, deren Anführer al-Sharaa – damals weithin unter seinem Kampfnamen Abu Mohammed al-Jolani bekannt – wurde. Die Nusra-Front entwickelte sich zu einer der militärisch bedeutendsten jihadistischen Gruppierungen im Kampf gegen Assad und war über Jahre al-Qaidas offizieller syrischer Ableger. 2013 versuchte al-Baghdadi, Nusra in den neu ausgerufenen Islamic State of Iraq and al-Sham (ISIS/ISIL) einzugliedern. Al-Sharaa widersetzte sich dieser Eingliederung und bekannte sich stattdessen unmittelbar zu al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri. In den folgenden Jahren kämpften Nusra- und IS-Kräfte gegeneinander. Historisch besteht also eine personelle und organisatorische Verbindung zum irakischen jihadistischen Milieu, aus dem auch der IS hervorging; al-Sharaa war jedoch nicht einfach ein späterer syrischer IS-Kommandeur, der anschließend die Seiten wechselte (Blanchard, 2025).
Der nächste Bruch erfolgte 2016. Al-Sharaa löste die Nusra-Front formell auf und führte sie zunächst als Jabhat Fatah al-Sham weiter; Anfang 2017 ging daraus zusammen mit weiteren islamistischen Gruppen Hay’at Tahrir al-Sham hervor. Al-Qaida kritisierte diesen Kurs und warf al-Sharaa Verrat vor. HTS wiederum ging später gegen al-Qaida-nahe Akteure vor und entwickelte in Idlib eine eigene Verwaltungsstruktur, die Syrian Salvation Government. Parallel professionalisierte die Organisation Teile ihrer Streitkräfte und konsolidierte ihren territorialen Einfluss. Reuters beschreibt diese Entwicklung als schrittweise Abkehr vom transnationalen „global jihad“ hin zu einer stärker auf Syrien ausgerichteten politischen und militärischen Strategie (Blanchard, 2025; Perry & Azhari, 2025).
Diese Entwicklung beantwortet allerdings nicht automatisch die Frage, ob aus einer strategischen Neuorientierung auch eine vollständige ideologische Transformation geworden ist. Gerade das sollte analytisch offenbleiben. Al-Sharaa hat seit der Machtübernahme staatliche Einheit, Minderheitenschutz und eine Konzentration bewaffneter Gewalt in staatlichen Institutionen versprochen; zugleich blieb die Übergangsordnung wegen der starken Stellung ehemaliger HTS-Kader, der begrenzten institutionellen Kontrolle und schwerer sektiererischer Gewalt, wie unter Anderem gegen alawitische Zivilisten in verschiedenen Landesteilen unter Beobachtung (Blanchard, 2025; Perry & Azhari, 2025; (Human Rights Watch, 2025). Der relevante Punkt für diesen Artikel ist daher nicht, al-Sharaa nachträglich zum „moderaten“ Gegenbild seiner eigenen Vergangenheit umzudeuten, sondern die außergewöhnliche politische Verschiebung zu erklären: Ein früherer AQI-Akteur und al-Qaida-Kommandeur wurde innerhalb weniger Jahre zum Führer einer territorialen De-facto-Regierung und nach Assads Sturz zum Präsidenten der syrischen Übergangsordnung, da er in der internationalen Gemeinschaft kein unbekannter Akteur gewesen war.
Auch die internationale Behandlung al-Sharaas änderte sich in bemerkenswertem Tempo. Die Vereinigten Staaten widerriefen im Juli 2025 die Einstufung der al-Nusra-Front beziehungsweise HTS als Foreign Terrorist Organization (U.S. Department of State, 2025). Am 6. November 2025 beschloss der UN-Sicherheitsrat mit Resolution 2799, al-Sharaa persönlich von der ISIL/Da’esh- und al-Qaida-Sanktionsliste zu streichen (United Nations Security Council, 2025). Diese Entscheidungen sind keine historische Entlastung seiner früheren Zugehörigkeiten; sie markieren vielmehr die politische Neubewertung eines Akteurs, der inzwischen einen Staat führt und mit dem internationale Regierungen praktische Beziehungen organisieren müssen.
4.3 Syrien wechselt nicht einfach das Lager
Gerade deshalb wäre es zu einfach, Syriens Entwicklung nach Dezember 2024 als Wechsel aus einem russisch-iranischen in einen türkisch-westlichen Block zu beschreiben. Die neue Führung unter al-Sharaa entwickelte parallel Beziehungen zu mehreren Machtzentren. Ankara spricht inzwischen ausdrücklich von einer strategischen Zusammenarbeit mit Damaskus und verknüpft Syriens Stabilität eng mit der eigenen Sicherheit; bei hochrangigen Gesprächen Ende 2025 standen neben regionaler Sicherheit auch die Integration der SDF, der Kampf gegen den IS sowie Handel, Energie, Logistik und Wiederaufbau auf der Agenda (Republic of Türkiye Ministry of Foreign Affairs, 2025).
Auch die westliche Politik veränderte sich schnell. Die Vereinigten Staaten beendeten mit Executive Order 14312 zum 1. Juli 2025 zentrale Teile des langjährigen Syrien-Sanktionsregimes und begründeten dies mit den grundlegend veränderten politischen Umständen sowie dem Ziel eines stabilen und geeinten Syriens (The White House, 2025). Die Europäische Union hob im Mai 2025 ihre wirtschaftlichen Restriktionen gegen Syrien weitgehend auf; sicherheitsbezogene Maßnahmen blieben bestehen. Im Mai 2026 stellte der Rat zudem die vollständige Anwendung des EU-Syrien-Kooperationsabkommens wieder her und bezeichnete dies ausdrücklich als Schritt zur Stärkung der bilateralen Beziehungen und Unterstützung der sozioökonomischen Erholung (Council of the European Union, 2025, 2026).
Gleichzeitig entstand im Süden Syriens eine völlig andere Sicherheitsdynamik. Nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes rückten israelische Kräfte in bislang entmilitarisierte beziehungsweise UN-überwachte Gebiete und in weitere Teile des syrischen Grenzraums vor. Das Congressional Research Service hielt 2025 fest, dass Israel nach Assads Sturz in zuvor demilitarisierte Bereiche sowie in syrisches Gebiet nahe der Grenze vorgedrungen war; UN-Berichte dokumentierten die fortgesetzte israelische Präsenz und die Ausweitung militärischer Aktivitäten im Umfeld des besetzten syrischen Golan (Blanchard, 2025; United Nations Secretary-General, 2025). Israel begründete Teile seines Vorgehens mit eigenen Sicherheitsinteressen und später auch mit dem Schutz der drusischen Minderheit; Damaskus wertete die Präsenz und Angriffe als Verletzung seiner Souveränität.
Trotz dieser Konfrontation entwickelten sich parallel direkte Sicherheitskontakte. Im Juli 2026 erklärte al-Sharaa, Syrien strebe ein Sicherheitsabkommen mit Israel an, das langfristig auch einen umfassenderen Frieden ermöglichen könne, ohne den syrischen Anspruch auf die Golanhöhen aufzugeben. Reuters berichtete zugleich, dass israelische Truppen seit Dezember 2024 strategische Positionen einschließlich der syrischen Seite des Hermon eingenommen und weiterhin militärische Operationen in Syrien durchgeführt hatten (Reuters, 2026). Gerade diese Gleichzeitigkeit – militärischer Druck und diplomatische Verhandlungen – zeigt die neue, nicht-binäre Logik der syrischen Außenbeziehungen.
Auch Russland verschwand nicht vollständig aus Syrien. Im August 2026 einigten sich Damaskus und Moskau nach rund 18 Monaten Verhandlungen auf eine neue Regelung für Tartus und Hmeimim. Nach Angaben des syrischen Außenministeriums soll der syrische Staat die zivilen Bereiche, darunter den zivilen Teil des Flughafens Hmeimim und einen kommerziellen Liegeplatz in Tartus, stärker selbst verwalten. Die militärischen Einrichtungen sollen unter neuen Bedingungen in gemeinsame Ausbildungs- und Qualifizierungszentren überführt werden. Damit verliert Russland einen Teil der privilegierten Stellung, die es unter Assad besaß, behält aber eine militärische Kooperations- und Präsenzstruktur im Land (Reuters, 2026).
Hinzu kommen arabische Akteure, die Syrien nicht einfach der Türkei oder dem Westen überlassen wollen. Saudi-Arabien verfolgt nach dem Sturz Assads eine eigene Strategie, die Stabilisierung und Wiederaufbau mit dem Versuch verbindet, iranischen Einfluss begrenzt zu halten, zugleich aber auch türkische und israelische Machtprojektion auszubalancieren. Alghannam (2025) beschreibt Syrien deshalb als ein neues „game of nations“, in dem Riyadh nicht nur auf Teheran reagiert, sondern gleichzeitig mit Ankara kooperiert und konkurriert sowie israelische Schritte im Süden kritisch bewertet.
Syrien zeigt damit exemplarisch, warum die gegenwärtige Ordnung nur begrenzt in zwei Lager zu pressen ist. Die Türkei verfügt über großen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Einfluss, kontrolliert aber nicht alle ehemaligen Oppositionsakteure. Die USA und die EU normalisieren Teile ihrer Beziehungen zu einer Führung, deren zentrale Personen noch kurz zuvor auf Terror- und Sanktionslisten standen. Israel übt militärischen Druck aus und verhandelt zugleich über Sicherheitsarrangements. Saudi-Arabien versucht, mehrere regionale Einflusszentren auszubalancieren. Russland verhandelt statt über uneingeschränkte Privilegien über eine reduzierte und neu definierte Restpräsenz. Iran wiederum hat mit Assad einen der wichtigsten Pfeiler seiner Levante-Strategie verloren.
Für die These eines „Kalten Krieges II“ ist genau diese Verschiebung wichtig. Der Sturz Assads war weder die einfache Niederlage eines „östlichen Blocks“ noch der Sieg eines geschlossenen westlichen Gegenlagers. Er entstand aus dem Zusammenwirken lokaler Aufstände und Milizen, jihadistischer und nichtjihadistischer Oppositionsakteure, regionaler Rivalitäten, der Schwächung iranischer und russischer Schutzstrukturen sowie eigenständiger türkischer, israelischer, amerikanischer und arabischer Interessen. Nach dem Regimewechsel wurde dieses Geflecht nicht aufgelöst, sondern neu sortiert. Syrien bleibt damit ein Austragungsraum internationaler Konkurrenz – allerdings in einer Ordnung, in der regionale Akteure selbst über deutlich mehr Handlungsspielraum verfügen und Partnerschaften weniger eindeutig, stärker transaktional und häufiger themenspezifisch geworden sind.
Iran: Wenn Stellvertreter nicht mehr ausreichen
Parallel dazu laufen stets neue Entwicklungen auch im Iran. Über Jahrzehnte baute Teheran Beziehungen zu regionalen Partnern und bewaffneten Gruppen auf – von der Hisbollah im Libanon über schiitische Milizen im Irak bis zu den Huthi im Jemen (Robinson & Merrow, 2024).
Dahinter stand nicht allein das Ziel regionaler Machtprojektion. Die Strategie entwickelte sich auch aus einer iranischen Sicherheitswahrnehmung, die stark durch den Iran-Irak-Krieg, die konventionelle militärische Unterlegenheit gegenüber den Vereinigten Staaten und Israel sowie die amerikanische Militärpräsenz in Irans unmittelbarer Nachbarschaft geprägt wurde. Statt einen möglichen Konflikt erst an den eigenen Grenzen auszutragen, versuchte Teheran, strategische Tiefe aufzubauen, Gegner bereits außerhalb des eigenen Territoriums zu binden und durch die Fähigkeit zur Vergeltung über mehrere regionale Schauplätze Abschreckung zu erzeugen. Diese Strategie wird häufig als „forward defense“ bezeichnet (Reisinezhad, 2026)
Allerdings entstanden die einzelnen Gruppen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Die Hisbollah entwickelte sich nach der israelischen Invasion des Libanon 1982 aus einem lokalen schiitischen Widerstandsmilieu und wurde von Iran maßgeblich mit aufgebaut und unterstützt. Im Irak nutzte Teheran nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 neue politische und militärische Handlungsspielräume und vertiefte Beziehungen zu schiitischen Parteien und Milizen. Die Huthi wiederum sind eine eigenständige jemenitische Bewegung, deren Beziehung zu Iran erst im Verlauf des jemenitischen Konflikts erheblich enger wurde (CRF, 2026).
Dieses Netzwerk ermöglichte Iran, politischen und militärischen Druck weit über die eigenen Grenzen hinaus auszuüben und gleichzeitig das Risiko einer direkten Konfrontation mit Israel oder den Vereinigten Staaten zu begrenzen
Doch diese Strategie ist inzwischen unter erheblichen Druck geraten.
Das iranische Netzwerk war dabei nie lediglich eine lose Ansammlung verbündeter Milizen, sondern eben Teil einer über Jahre aufgebauten „forward defense“ Strategie. Über die Quds Force der Revolutionsgarden verband Teheran staatliche und nichtstaatliche Akteure in Libanon, Syrien, Irak und Jemen miteinander. Besonders Syrien erfüllte innerhalb dieser Architektur eine Schlüsselrolle: Über den Irak und Ostsyrien verliefen Landverbindungen bis in den Libanon, über die Iran seine Verbündeten versorgen und insbesondere die Hisbollah militärisch unterstützen konnte. Iranisch verbundene Kräfte kontrollierten oder beeinflussten dafür strategisch wichtige Räume entlang der irakisch-syrischen Grenze und des Korridors zwischen al-Qa’im und al-Bukamal (Hasan & Khaddour, 2020; Jalal, 2025). Die Hisbollah wiederum war nicht nur Empfänger iranischer Unterstützung, sondern selbst militärischer Akteur in Syrien und ein wichtiger Bestandteil dieses grenzüberschreitenden Sicherheitsnetzwerks. Im Jemen und Irak ergänzten Ansar Allah beziehungsweise Iran-nahe Fraktionen innerhalb der Popular Mobilization Forces diese Struktur und ermöglichten Teheran, Druck auf Gegner an mehreren geografisch voneinander entfernten Fronten auszuüben (Jalal, 2025; Khaddour & Tokmajyan, 2024).
Der Verlust Syriens trifft deshalb nicht nur einen einzelnen Verbündeten, sondern die Verbindungsarchitektur dieses gesamten Systems. Mit Assads Sturz verlor Iran einen Staat, der über Jahrzehnte politischen Zugang zur Levante gewährleistet und zugleich als logistisches Bindeglied zur Hisbollah fungiert hatte. Der Council on Foreign Relations bezeichnete Syrien nach dem Regimewechsel entsprechend als einen der kritischsten Knotenpunkte des iranischen Proxy-Netzwerks: Die neue Ordnung erschwert den Transport von Waffen und anderem Material in den Libanon und begrenzt die Möglichkeiten der Revolutionsgarden, die Hisbollah über syrisches Territorium zu unterstützen (Hoffman, 2024). Das bedeutet allerdings nicht das Ende des iranischen Einflussmodells. Iran-nahe Milizen bleiben insbesondere im Irak institutionell und militärisch relevant, während Ansar Allah im Jemen durch seine Raketen-, Drohnen- und maritimen Fähigkeiten an strategischem Gewicht gewinnen könnte. Gerade darin zeigt sich die Anpassungsfähigkeit des Systems: Wird eine Front geschwächt, versucht Teheran, andere Teile des Netzwerks stärker zu nutzen. Der Sturz Assads verändert daher weniger das grundsätzliche Prinzip iranischer Stellvertreterpolitik als deren geografische Möglichkeiten und zwingt Teheran zu einer strategischen Neuordnung (Hoffman, 2024; Jalal, 2025).
Diese strategische Neuordnung fällt in eine Phase, in der zugleich weitere Pfeiler des iranischen Einflussmodells unter Druck geraten sind. Die Hisbollah erlitt im Krieg mit Israel schwere Verluste, während sich die jahrzehntelang überwiegend indirekt geführte Konfrontation zwischen Israel und Iran zunächst 2025 und noch stärker 2026 zu einer direkten militärischen Auseinandersetzung entwickelte. Der Council on Foreign Relations zählt den Konflikt zwischen Iran, Israel und den Vereinigten Staaten inzwischen ausdrücklich zu den zentralen Konfliktrisiken des Jahres 2026.
Das scheint auf den ersten Blick gegen die Cold-War-Analogie zu sprechen.
Tatsächlich zeigt es aber eher ihre Grenze und ihre Entwicklung.
Proxy Warfare ist kein stabiler Endzustand. Stellvertreter werden gerade deshalb eingesetzt, weil direkte Intervention teuer, politisch riskant oder eskalationsgefährlich ist. Wenn diese Abschreckung versagt oder die indirekten Instrumente ihre Wirkung verlieren, kann aus einem Stellvertreterkonflikt direkte Gewalt zwischen den dahinterstehenden Akteuren entstehen. Auch die Forschung zum modernen Nahen Osten beschreibt genau diesen Übergang von indirekter Unterstützung zu direkter Intervention (Rondeaux & Sterman, 2022).
Hinzu kommt, dass Großmächte, die frühere Stellvertreterkriege führten, nicht mehr bereit sind, Stellvertreter in einem Ausmaß zu bleiben, sodass die Souveränität eines anderen Staates unangetastet bleibt. Vielleicht liegt genau darin auch das entscheidende „2.0“ im Kalten Krieg.
Er wäre vielmehr eine Ordnung, in der direkte und indirekte Konfliktformen nebeneinander existieren und ineinander übergehen.
Die Rolle der auf dem südlichen Territorium befindenden Staaten verändert sich bloß, indem sie eigene Interessen verfolgen, eigene Bündnisse schließen und zunehmend selbst entscheiden, welche Großmachtbeziehungen sie für welchen Zweck nutzen.
Im ersten Kalten Krieg kämpften Großmächte vielfach über Staaten und Bewegungen des Globalen Südens. Heute nutzen genau diese Staaten die Konkurrenz der Großmächte zunehmend für eigene politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Ziele.
China wird nicht zum neuen Schutzpatron Irans
Eine weitere Versuchung besteht darin, den Bedeutungsverlust Russlands im Nahen Osten automatisch als Aufstieg Chinas zum neuen östlichen Patron zu interpretieren.
Auch das greift aber zu kurz.
China unterstützt Iran wirtschaftlich erheblich und profitiert gleichzeitig strategisch davon, wenn die Vereinigten Staaten Ressourcen und Aufmerksamkeit im Nahen Osten binden. Dennoch weist die chinesische Politik bislang kaum darauf hin, dass Beijing bereit wäre, die klassische sowjetische Rolle eines militärischen Schutzpatrons zu übernehmen. Analysen von Brookings beschreiben Iran aus chinesischer Sicht als wichtigen, aber keineswegs unverzichtbaren Partner; Chinas Interesse besteht wesentlich stärker in regionaler Stabilität, Energieversorgung und wirtschaftlichem Zugang als in einer ideologisch begründeten Allianz (Hass & Matthias, 2026; Ministry of Foreign Affairs of the People’s Republic of China, 2026).
Gerade das macht die neue Ordnung komplizierter.
Russland kann Iran militärisch und diplomatisch unterstützen, ohne einen umfassenden Schutz garantieren zu können. China kann dessen Wirtschaft stabilisieren, ohne für Teheran Krieg führen zu wollen. Die Vereinigten Staaten können Golfstaaten militärisch absichern, während dieselben Staaten gleichzeitig wirtschaftliche Beziehungen zu China vertiefen.
Ein Staat kann damit wirtschaftlich in einem Netzwerk, sicherheitspolitisch in einem zweiten und diplomatisch in einem dritten verankert sein (Dworkin et al., 2026).
Das wäre im klassischen Kalten Krieg außergewöhnlich gewesen.
Heute wird es zunehmend normal.
Dass China seine Interessen gegenüber Iran vor allem wirtschaftlich und diplomatisch verfolgt, verweist zugleich auf eine zweite Veränderung dieser Konkurrenz: Macht wird heute nicht nur über militärische Bündnisse und Waffen ausgeübt.
Die neue Front verläuft auch durch Lieferketten
Genau hier kommt eine zweite Entwicklung hinzu, die den von mir definierten Kalten Krieg 2.0 grundlegend vom ersten unterscheidet: Geoeconomics.
Edward Luttwak beschrieb Geoeconomics bereits 1990 als eine Übertragung der Logik des Konflikts auf die Mittel des Handels (Luttwak, 1990). Auch während meines Masters wurde Geoeconomics als Einsatz wirtschaftlicher Instrumente zur Förderung nationaler Interessen und geopolitischer Ziele beschrieben.
Drei Jahrzehnte Globalisierung haben Rivalen geschaffen, die gleichzeitig voneinander abhängig sind.
Das macht die heutige Systemkonkurrenz nicht schwächer – sondern gibt ihr zusätzliche Instrumente.
Die WTO sieht inzwischen deutlich stärkere Fragmentierung entlang geopolitischer Linien. 2025 gingen US-Importe aus China um 29 Prozent zurück, während China Handelsströme stärker nach Asien, Afrika und Lateinamerika umlenkte. Gleichzeitig liefen Anfang 2026 weiterhin rund 72 Prozent des Welthandels unter normalen WTO-Meistbegünstigungsbedingungen (Staiger, 2026).
Das ist ein bemerkenswerter Befund.
Die Welt entkoppelt sich und bleibt gleichzeitig verflochten.
Ähnliches zeigt sich bei Investitionen. Laut UNCTAD stiegen die weltweiten ausländischen Direktinvestitionen 2025 wieder auf rund 1,6 Billionen US-Dollar. Gleichzeitig entfielen bereits 44 Prozent des Werts neuer Greenfield-Projekte auf strategische Bereiche wie digitale Infrastruktur, Halbleiter, kritische Rohstoffe und Technologien der Energiewende – gegenüber 16 Prozent im Jahr 2020 (United Nations Conference on Trade and Development, 2026).
Kapital folgt damit nicht nur Rendite.
Es folgt zunehmend auch Sicherheitslogiken.
Noch offensichtlicher wird das bei kritischen Rohstoffen. Die Internationale Energieagentur warnt 2026 vor steigender Konzentration bei Verarbeitung und Raffinierung wichtiger Mineralien. Bei mehreren strategischen Materialien kontrolliert China mehr als 90 Prozent der globalen Raffineriekapazität; gleichzeitig haben Exportbeschränkungen stark zugenommen (International Energy Agency, 2026).
Handel, Häfen, Energie, Halbleiter, Rohstoffe, Dateninfrastruktur und Lieferketten werden damit zu Bestandteilen derselben strategischen Konkurrenz, die früher stärker über Panzerdivisionen und Militärbasen definiert wurde.
Und der Nahe Osten verbindet beide Welten
Kaum irgendwo treffen militärische und geökonomische Macht so unmittelbar aufeinander wie im Nahen Osten.
Die Straße von Hormus ist dafür das derzeit sichtbarste Beispiel. Der Konflikt mit Iran hat den Schiffsverkehr durch einen der wichtigsten Energiekorridore der Welt erheblich reduziert und Öl- und Gasversorgung weltweit unter Druck gesetzt. Im August 2026 ist der Transit weiterhin massiv eingeschränkt, während Iran und die Vereinigten Staaten über die Kontrolle der Wasserstraße streiten (U.S. Energy Information Administration, 2026; Reuters, 2026).
Damit erhält ein regionaler Krieg globale ökonomische Wirkung.
Und wirtschaftliche Abhängigkeit wiederum beeinflusst militärisches Verhalten.
China benötigt Stabilität im Golf für seine Energieversorgung. Europa braucht offene Handelswege. Mehrere Golfstaaten bleiben sicherheitspolitisch eng an die USA gebunden, wollen sich aber nicht vollständig in eine amerikanisch-chinesische Systemkonfrontation hineinziehen lassen. Die Türkei versucht, ihre geografische Position, ihre Verteidigungsindustrie und ihre Beziehungen zu Europa, Russland und der arabischen Welt gleichzeitig strategisch zu nutzen.
Die Staaten der Region sind deshalb nicht lediglich Spielfiguren eines neuen amerikanisch-chinesischen oder amerikanisch-russischen Wettbewerbs.
Sie spielen zunehmend selbst.
Das ist vielleicht die wichtigste Korrektur an der klassischen Vorstellung eines Stellvertreterkrieges.
Was vom ersten Kalten Krieg bleibt
Die Analogie trägt dort, wo sich die Methoden ähneln.
Groß- und Regionalmächte versuchen weiterhin, die Kosten direkter Eskalation zu begrenzen. Dafür nutzen sie Partner, Waffenlieferungen, Geheimdienstinformationen, wirtschaftlichen Druck und regionale Einflussnetzwerke. Anders als in einer einfachen Stellvertreterlogik bleiben sie dabei jedoch nicht zwingend im Hintergrund: indirekte Konkurrenz und direkte militärische Intervention können heute nebeneinander bestehen und ineinander übergehen.
Sie trägt nicht, wenn daraus gefolgert wird, die Welt müsse sich erneut in zwei klar erkennbare Lager teilen.
Der neue Wettbewerb ist multipolarer, wirtschaftlich verflochtener und regional eigenständiger.
Russland und China sind Partner, aber kein zweiter Sowjetblock. Die Türkei ist amerikanischer Bündnispartner und zugleich eigenständige Regionalmacht. Saudi-Arabien benötigt die USA, verhandelt aber mit China und Iran. Syrien kann gleichzeitig enge Beziehungen zur Türkei aufbauen, amerikanische Unterstützung erhalten, über ein Abkommen mit Israel verhandeln und eine begrenzte russische Präsenz akzeptieren (Gaddis, 2005; Ikenberry, 2024; Rondeaux & Sterman, 2022)
Diese Gleichzeitigkeit wäre keine Randerscheinung des Kalten Krieges 2.0.
Sie wäre sein bestimmendes Merkmal.
Kalter Krieg 2.0 – vielleicht erst im Rückblick
Ob Historiker die gegenwärtige Epoche irgendwann tatsächlich als zweiten Kalten Krieg bezeichnen werden, lässt sich heute nicht beantworten. Entscheidend ist deshalb weniger das Etikett als die Frage, ob sich eine strategische Logik erkennen lässt, die den Vergleich trägt. Genau das ist der Fall: Großmächte konkurrieren dauerhaft um Einfluss, Sicherheit und internationale Ordnung, ohne ihre gesamte Rivalität unmittelbar militärisch gegeneinander auszutragen. Diese Konkurrenz reicht weit über einzelne Kriege hinaus und wird über Partner, Waffen, Technologie, Handel, Energie, Rohstoffe, Infrastruktur und politische Beziehungen geführt.
„Kalt“ bedeutet dabei nicht, dass die Schauplätze dieser Konkurrenz friedlich wären. Syrien, die Konfrontation zwischen Israel und Iran oder die Auseinandersetzungen um die Straße von Hormus zeigen das Gegenteil. Kalt bleibt vielmehr die übergeordnete Konkurrenz, solange nicht sämtliche beteiligten Machtzentren ihre Rivalität unmittelbar gegeneinander austragen. Regionale Kriege können eskalieren, einzelne Großmächte können selbst militärisch eingreifen und andere können sich bewusst heraushalten – ohne dass daraus automatisch ein umfassender Krieg zwischen den zentralen Machtzentren entsteht.
Genau hier beginnt das „2.0“. Die heutige Ordnung lässt sich nicht mehr auf zwei geschlossene Lager reduzieren. China und Russland bilden keinen neuen Sowjetblock, amerikanische Partner unterhalten gleichzeitig enge Beziehungen zu Beijing, und strategische Partnerschaften führen nicht automatisch zu militärischer Beistandspflicht. Ein Staat kann sicherheitspolitisch in einem Netzwerk, wirtschaftlich in einem zweiten und diplomatisch in einem dritten verankert sein.
Noch wichtiger ist jedoch die veränderte Rolle der regionalen Akteure. Staaten und Bewegungen des Globalen Südens waren zwar auch im ersten Kalten Krieg keineswegs bloße Spielfiguren. Heute besitzen viele von ihnen jedoch erheblich größere Möglichkeiten, konkurrierende Machtzentren gegeneinander auszubalancieren, eigene Bündnisse zu schließen und regionale Ordnung selbst mitzugestalten. Die Türkei, Saudi-Arabien, Iran oder die neuen Machthaber Syriens handeln nicht einfach im Auftrag Washingtons, Moskaus oder Beijings. Sie verfolgen eigene Interessen und entscheiden selbst, welche Partnerschaften sie für welche Zwecke nutzen.
Der Nahe Osten macht diese Veränderung besonders sichtbar. Assads Sturz war weder der einfache Sieg eines westlichen Blocks noch nur die Niederlage eines russisch-iranischen Lagers. Irans Stellvertreterarchitektur gerät unter Druck, ohne dass China oder Russland automatisch als neue Schutzmächte einspringen. Gleichzeitig entstehen neue regionale Sicherheitsbeziehungen, während wirtschaftliche Verflechtungen politische und militärische Lagergrenzen durchbrechen. Die Konkurrenz bleibt, aber die Rollen innerhalb dieser Konkurrenz verändern sich.
Vielleicht wird diese Epoche rückblickend anders bezeichnet werden: als multipolare Neuordnung, als Ende der amerikanischen Unipolarität oder als Phase regionaler Machtkämpfe innerhalb einer globalen Systemkonkurrenz. Doch genau darin liegt der analytische Wert des Begriffs „Kalter Krieg 2.0“. Er behauptet nicht, dass sich 1960 wiederholt. Er beschreibt die Fortsetzung einer strategischen Konkurrenz unter Bedingungen, die sich grundlegend verändert haben.
Weniger zwei Blöcke, mehr überlappende Netzwerke. Weniger eindeutig verteilte Rollen, mehr eigenständige Machtzentren. Und vor allem: Akteure, die früher häufig als Stellvertreter betrachtet wurden, wollen zunehmend selbst bestimmen, für wen, mit wem und wofür sie kämpfen. Vielleicht ist genau das der Kalte Krieg 2.0.