Policy Analyse

Kalter Krieg II:
Der Aufstieg regionaler Machtzentren im Mittleren Osten und ihre wachsende strategische Eigenständigkeit

Melih Can Erdönmez
15. August 2026

  • Der Nahe Osten wird erneut zu einem zentralen Austragungsraum internationaler Machtkonkurrenz – allerdings ohne die klaren Blockstrukturen des ersten Kalten Krieges.

  • Stellvertreter und regionale Partner bleiben wichtig, handeln jedoch zunehmend eigenständig. Großmächte können Einfluss ausüben, kontrollieren die Interessen und Entscheidungen ihrer Partner aber nicht vollständig.

  • Syrien und Iran zeigen zwei Seiten dieser Entwicklung: In Syrien zerfällt eine frühere Patronageordnung, während Irans auf regionalen Partnern beruhende Sicherheitsstrategie unter Druck gerät und indirekte Konflikte zunehmend in direkte Konfrontationen übergehen.

  • Die Konkurrenz wird nicht nur militärisch geführt. Handel, Energie, Rohstoffe, Technologie, Kapital, Infrastruktur und Lieferketten sind selbst zu Instrumenten geopolitischer Macht geworden.

  • „Kalter Krieg II“ beschreibt daher keine Wiederholung des ersten Kalten Krieges, sondern eine ähnliche Konfliktlogik unter veränderten Bedingungen: weniger feste Blöcke, mehr überlappende Netzwerke und komplexere Abhängigkeiten – während regionale Akteure die entstehende Ordnung zunehmend selbst mitgestalten.

Bildquelle: Syrische Rebellen halten im Oktober 2012 im umkämpften Aleppo Stellung. Das Bild steht exemplarisch für eine Form des Krieges, in der lokale Akteure zum Träger größerer regionaler und internationaler Machtkonflikte werden.
Foto: Javier Manzano / AFP


Lesezeit: 30 Minuten

Kalter Krieg II:
Der Aufstieg regionaler Machtzentren im Mittleren Osten und ihre wachsende strategische Eigenständigkeit

“Nuclear powers must avert those confrontations which bring an adversary to a choice of either a humiliating retreat or a nuclear war.”
— John F. Kennedy, 1963

Als ich mich 2024 zum ersten Mal mit der Frage beschäftigte, ob sich im Nahen Osten eine neue Form des Kalten Krieges abzeichnet, schien der Vergleich auf den ersten Blick naheliegend. Iran übte einen großen Teil seines regionalen Einflusses über die Hisbollah und verbündete Milizen aus. Russland hielt gemeinsam mit Teheran das Assad-Regime an der Macht. Die Vereinigten Staaten unterstützten Israel und sicherten ihre Partner am Golf militärisch ab. Die dahinterstehenden Mächte waren sichtbar – aber ein erheblicher Teil ihrer Konkurrenz wurde nicht unmittelbar zwischen ihnen ausgetragen.

Heute sehe ich das etwas anders.

Nicht weil die damalige Beobachtung falsch war. Sondern weil sich inzwischen mehrere Voraussetzungen verschoben haben, auf denen sie beruhte. Die Grenze zwischen demjenigen, der einen Konflikt unterstützt, und demjenigen, der ihn selbst führt, ist durchlässiger geworden. Gleichzeitig lassen sich regionale Staaten immer weniger eindeutig einem einzigen Machtzentrum zuordnen: Sicherheitsbeziehungen, wirtschaftliche Partnerschaften und diplomatische Kooperationen verlaufen häufig in unterschiedliche Richtungen. Und Akteure, die früher vor allem als Verbündete oder Stellvertreter größerer Mächte beschrieben wurden, verfügen heute über erheblich größere Möglichkeiten, eigene Interessen zu verfolgen und die Konkurrenz zwischen externen Mächten für sich zu nutzen.

Seit 2024 ist Assads Ordnung zusammengebrochen, Irans regionales Netzwerk wurde erheblich geschwächt und aus der lange überwiegend indirekten Konfrontation zwischen Iran und Israel entwickelte sich offene militärische Gewalt. Seit Februar 2026 greifen auch amerikanische Streitkräfte Iran unmittelbar an. Zugleich gewannen andere regionale Mächte an eigenständigem Gewicht: Die Türkei weitete ihren Einfluss im post-Assad-Syrien aus, die Golfstaaten mussten ihre Sicherheitsstrategien angesichts des Iran-Krieges neu bewerten und Saudi-Arabien diversifizierte seine sicherheitspolitischen Partnerschaften weiter. Auch Ägypten, Irak und die Golfmonarchien unterhalten heute Beziehungen zu mehreren konkurrierenden Machtzentren gleichzeitig, statt sich wirtschaftlich, diplomatisch und militärisch vollständig einem Lager zuzuordnen.

Gleichzeitig greift die Vorstellung immer weniger, Großmächte wie die USA oder Russland könnten ihre Partner in der Region wie Schachfiguren steuern. Regionale Akteure sind eigenständige Machtzentren mit eigenen strategischen Agenden geworden – teilweise auch gegen den erklärten Wunsch ihrer globalen Schutzmächte. Allianzen sind deshalb keine Einbahnstraßen, sondern wechselseitige Abhängigkeiten, in denen lokale und regionale Akteure Großmächte ebenso in Konflikte hineinziehen können wie umgekehrt.

Auch die Sicherheitsarchitektur des Nahen Ostens verändert sich dadurch: 

Israel beispielsweise ist nicht nur engster militärischer Partner der USA in der Region, sondern selbst ein hochgerüstetes regionales Machtzentrum: SIPRI zählt das Land zu den neun Nuklearwaffenstaaten und geht davon aus, dass Israel sein Arsenal weiter modernisiert; hinzu kommen eine hochentwickelte Raketenabwehr, Cyberfähigkeiten und eine starke konventionelle Armee.

Parallel entstehen Sicherheitsstrukturen außerhalb der klassischen amerikanischen Bündnisarchitektur. Das im August 2026 geschlossene Verteidigungsabkommen zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan verpflichtet die drei Staaten zu gegenseitigem Beistand. Mit Pakistan wird damit eine weitere Atommacht enger an die regionale Sicherheitsordnung gebunden, während die Türkei zusätzlich ihre NATO-Mitgliedschaft und eigenen militärisch-technologischen Fähigkeiten einbringt.

Hinzu kommen Staaten, in denen staatliche und nichtstaatliche Machtstrukturen ineinandergreifen: Im Libanon bleibt die Hisbollah ein eigenständiger militärischer Faktor, im Irak verfügen Iran-nahe Milizen über erheblichen Einfluss, Iran selbst stützt sich weiterhin auf regionale Partnernetzwerke, und mit dem Taliban-regierten Afghanistan liegt unmittelbar östlich Irans ein weiterer sicherheitspolitisch weitgehend eigenständig agierender Akteur.

Kennedys Satz beschrieb eine Eskalationsgrenze, die den ersten Kalten Krieg entscheidend prägte. Nur verläuft diese Grenze heute nicht mehr zwischen zwei relativ klar organisierten Supermachtblöcken. Sie zieht sich durch eine Ordnung aus amerikanischen Sicherheitsgarantien, regionalen Militärmächten, neuen Verteidigungspakten, nuklearen Fähigkeiten und Staaten, die gleichzeitig mit mehreren konkurrierenden Machtzentren zusammenarbeiten.

Der zweite Kalte Krieg wäre deshalb keine Kopie des ersten, sondern eine Fortsetzung strategischer Konkurrenz unter veränderten Bedingungen: Aus zwei weitgehend geschlossenen Blöcken werden überlappende Netzwerke; regionale Akteure handeln eigenständiger; indirekte Konflikte können in direkte Gewalt übergehen; und neben militärischer Macht entscheiden Handel, Energie, Technologie, Infrastruktur und wirtschaftliche Abhängigkeiten darüber, wer über Handlungsspielraum verfügt.

Der Nahe Osten ist dabei nicht nur ein weiteres Schaugebiet internationaler Konkurrenz. Er ist derzeit einer der Orte, an denen sich besonders deutlich beobachten lässt, wie diese neue Ordnung funktioniert.

Ein Kalter Krieg ohne zwei klare Blöcke

In einer früheren Fassung dieser Überlegung habe ich die internationale Ordnung noch relativ deutlich in einen westlichen, einen östlichen und einen zunehmend selbstbewussten Globalen Süden unterteilt. Ausgangspunkt war unter anderem G. John Ikenberrys Beschreibung des Globalen Südens als einer heterogenen Gruppe von Staaten, deren Wunsch nach Entwicklung, Mitsprache und Status ihnen zunehmende Bedeutung in der internationalen Ordnung verleiht (Ikenberry, 2024).

Zwei Jahre später erscheint gerade dieser dritte Teil der Argumentation wichtiger als die vermeintlich klare Gegenüberstellung von West und Ost. Eine neue Blockbildung findet durchaus statt – aber sie ist weder geschlossen noch eindeutig.

Der Begriff „Kalter Krieg“ darf deshalb nicht allein daraus abgeleitet werden, dass Staaten Partner unterstützen, ohne selbst unmittelbar in einen Krieg einzutreten. Das wäre auch in gewöhnlichen Bündniskriegen möglich. Entscheidend für die Analogie ist die Existenz einer dauerhaften übergeordneten Konkurrenz um Macht, Einfluss und internationale Ordnung, die einzelne Konflikte überdauert und auf mehreren Ebenen gleichzeitig ausgetragen wird.

Schon der erste Kalte Krieg bestand nicht aus einem permanenten direkten Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Die Rivalität zeigte sich in Rüstungswettbewerben, Bündnissystemen, wirtschaftlichem und technologischem Wettbewerb, politischem Einfluss sowie zahlreichen regionalen Kriegen, ohne dass Washington und Moskau ihre gesamte Konkurrenz unmittelbar militärisch gegeneinander austrugen (Gaddis, 2005).

Eine ähnliche übergeordnete Konkurrenz lässt sich heute zwischen den Vereinigten Staaten, China und Russland beobachten. Sie konkurrieren um militärischen Einfluss, technologische Fähigkeiten, Handelsbeziehungen, Energie- und Rohstoffzugänge, Infrastruktur und politische Partnerschaften. Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen um Taiwan oder die Auseinandersetzungen im Nahen Osten besitzen jeweils eigene Ursachen und Akteure, sind zugleich aber in eine breitere internationale Konkurrenz eingebettet.

„Kalt“ ist deshalb nicht jeder einzelne Schauplatz. Kalt bleibt die übergeordnete Konkurrenz zwischen Machtzentren, die ihre gesamte Rivalität bislang nicht unmittelbar militärisch gegeneinander austragen. Eine solche Konkurrenzordnung besteht auch dann fort, wenn einzelne Kriege enden oder Bündnisse sich verändern. Sie beeinflusst, welche Staaten aufgerüstet werden, welche Technologien geschützt, welche Handelswege abgesichert und welche politischen Partnerschaften aufgebaut werden.

Das „2.0“ liegt darin, dass diese Ordnung nicht mehr in zwei annähernd geschlossene Blöcke zerfällt. Staaten können sicherheitspolitisch mit den Vereinigten Staaten verbunden sein und gleichzeitig wirtschaftlich mit China kooperieren; Russland und China können mit Iran zusammenarbeiten, ohne dessen Kriege automatisch zu ihren eigenen zu machen. Der Globale Süden bildet deshalb weder einen einheitlichen dritten Block noch lediglich den Schauplatz fremder Großmachtpolitik.

Um diese Struktur zu verstehen, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Beziehungen einzelner Staaten.

Blockbildung im Nahen Osten

China und Russland sind für die Frage nach einer neuen Blockbildung besonders relevant, weil sie am ehesten als gemeinsames Gegengewicht zur amerikanisch geprägten Ordnung auftreten. Beide Staaten lehnen eine von den USA dominierte internationale Ordnung ab, stimmen sich diplomatisch enger ab, bauen ihre Wirtschafts- und Energiebeziehungen aus und vertiefen ihre militärische Zusammenarbeit.

Eine vollständig gemeinsame Strategie verfolgen sie jedoch nicht. Russland ist stärker auf militärische Machtprojektion und die unmittelbare Konfrontation mit dem Westen angewiesen, während China vor allem wirtschaftliche Stabilität, Handel und langfristigen Einfluss sichern will. Zudem besteht zwischen beiden Staaten keine mit der NATO vergleichbare gegenseitige Beistandsstruktur. Selbst dort, wo sich ein Gegenpol zu den USA am deutlichsten abzeichnet, entsteht daher kein geschlossener „östlicher Block“, sondern eine strategische Partnerschaft mit unterschiedlichen Interessen und Grenzen (Reid, 2026).

Auch Chinas Beziehungen zu Iran zeigen die Grenzen einer einfachen Ost-West-Logik. Beijing ist für Teheran wirtschaftlich äußerst wichtig; umgekehrt ist Iran für China nur einer von mehreren strategischen Partnern im Nahen Osten. China hat deshalb bislang vermieden, seine wirtschaftliche Partnerschaft mit Iran in ein uneingeschränktes militärisches Schutzversprechen zu übersetzen (Hass & Matthias, 2026Ministry of Foreign Affairs of the People’s Republic of China, 2026).

Noch deutlicher wird die Überlagerung unterschiedlicher Beziehungen bei der Türkei. Ankara ist seit 1952 Mitglied der NATO und damit institutionell fest in die westliche Sicherheitsarchitektur eingebunden. Gleichzeitig unterhält die Türkei seit Jahren eine enge und zugleich konfliktreiche Beziehung zu Russland. Beide Staaten standen in Syrien wiederholt auf unterschiedlichen Seiten, konkurrieren um Einfluss und verfolgen auch im Schwarzen Meer nicht dieselben Interessen. Trotzdem blieben Handel, Energiebeziehungen und politische Gesprächskanäle bestehen. Russland besitzt insbesondere für die türkische Energieversorgung weiterhin erhebliche Bedeutung. Kooperation und Konkurrenz existieren damit gleichzeitig (Ülgen et al., 2024).

Saudi-Arabien folgt einer ähnlichen, wenn auch anders gelagerten Strategie. Das Königreich bleibt sicherheitspolitisch eng mit den Vereinigten Staaten verbunden, hat seine Beziehungen zu China erheblich ausgebaut und hält auch gegenüber Iran eigene diplomatische Kanäle offen. Mit dem im August 2026 geschlossenen Verteidigungsabkommen zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan kommt eine zusätzliche Ebene hinzu: Sicherheit wird nicht mehr ausschließlich über die amerikanische Schutzarchitektur organisiert, ohne dass Riad deshalb seine Beziehungen zu Washington aufgibt (The White House, 2025MFA PRC, 2026Reuters, 2026Azhari et al., 2026).

Ägypten macht dieses Muster noch deutlicher. Die Vereinigten Staaten und Ägypten verfügen über eine jahrzehntelange militärische Partnerschaft; noch 2025 führten beide Staaten mit Bright Star eine der weltweit größten multinationalen Militärübungen durch. Gleichzeitig bezeichnet Beijing Ägypten als umfassenden strategischen Partner und will die Zusammenarbeit auch in militärischen Fragen, künstlicher Intelligenz, Handel und Industrie vertiefen. Kairo gehört außerdem zu BRICS. Parallel dazu hat die Europäische Union ihre Beziehungen zu Ägypten seit 2024 zu einer umfassenden strategischen Partnerschaft ausgebaut; im März 2026 fand erstmals ein eigener EU-ägyptischer Sicherheits- und Verteidigungsdialog statt (Benjami-Elias, 2025MFA PRC, 2026Council of the European Union, 2026).

Auch Irak passt nur schwer in eine klassische Blocklogik. Bagdad unterhält sicherheitspolitische Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, während China zu seinen wichtigsten wirtschaftlichen Partnern gehört. Gleichzeitig besitzen Iran und mit Teheran verbundene politische und bewaffnete Gruppen seit Jahren erheblichen Einfluss innerhalb des Landes. Die konkurrierenden Bindungen überlagern sich hier nicht nur zwischen Staaten, sondern innerhalb eines Staates selbst (Hamra, 2026).

Israel erscheint zunächst als Gegenbeispiel. Kaum ein Staat der Region ist sicherheitspolitisch so eindeutig mit den Vereinigten Staaten verbunden. Dennoch besteht der nichtmilitärische Handel zwischen Israel und China fort; nach Angaben des Congressional Research Service war China zuletzt nach den Vereinigten Staaten und der EU Israels drittgrößter Handelspartner. Gleichzeitig haben israelische Sicherheitsbehörden chinesische Investitionen stärker unter Beobachtung gestellt, weil Washington den technologischen und infrastrukturellen Einfluss Beijings zunehmend als Sicherheitsproblem betrachtet. Israel zeigt damit zugleich die Möglichkeiten und die Grenzen einer solchen Mehrfachverflechtung: Im sicherheitspolitischen Kern ist die Zuordnung vergleichsweise eindeutig, wirtschaftlich bestehen Beziehungen darüber hinaus fort (Sharp, 2025Hamzawy & Selfe, 2026).

Beim Libanon wird das Bild noch komplizierter. Hier lassen sich die konkurrierenden außenpolitischen Bindungen kaum dem Staat als Ganzem zuschreiben. Iran übte über die Hisbollah über Jahrzehnte erheblichen politischen und militärischen Einfluss aus, während die Vereinigten Staaten und europäische Staaten parallel die libanesischen Streitkräfte und staatlichen Institutionen unterstützen. Die EU beschloss im Juni 2026 weitere 100 Millionen Euro zur Stärkung der Lebanese Armed Forces und verband dies ausdrücklich mit dem Ziel, das staatliche Gewaltmonopol zu stärken und nichtstaatliche bewaffnete Akteure wie die Hisbollah zu entwaffnen. Gleichzeitig vermittelt Washington zwischen Beirut und Israel, während Teheran versucht, seinen verbleibenden Einfluss über die Hisbollah zu erhalten (Masters, 2026Council of the European Union, 2026Bassam et al., 2026Reuters, 2026).

Die Vereinigten Staaten verfügen damit weiterhin über das dichteste militärische Bündnis- und Partnerschaftsnetz der Region. China baut parallel wirtschaftliche, diplomatische und zunehmend sicherheitspolitische Beziehungen aus. Russland bleibt trotz seines Bedeutungsverlusts präsent, Iran verfügt über eigene regionale Netzwerke und die Europäische Union tritt vor allem wirtschaftlich, diplomatisch und zunehmend sicherheitspolitisch als eigenständiger Akteur auf (Hamzawy & Selfe, 2026).

Gerade dort, wo früher vergleichsweise klare Abhängigkeiten von Großmächten bestanden, wird diese Veränderung besonders sichtbar. Syrien ist dafür das deutlichste Beispiel.

Syrien: Wenn eine Stellvertreterordnung zusammenbricht

Der Sturz Bashar al-Assads am 8. Dezember 2024 veränderte die regionale Ordnung innerhalb weniger Tage. UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete das Ende des Assad-Regimes als historische Chance für die syrische Bevölkerung und verband diese zugleich mit der Forderung nach einem geordneten, inklusiven politischen Übergang sowie der Wiederherstellung von Syriens Souveränität, Einheit und territorialer Integrität (United Nations Secretary-General, 2024).

Für Iran und Russland bedeutete der Zusammenbruch des Regimes einen erheblichen strategischen Verlust. Beide Staaten hatten Assad über Jahre militärisch und politisch gestützt; Iran zusätzlich über die Hisbollah und weitere verbündete Milizen, Russland insbesondere seit seiner direkten militärischen Intervention 2015. Syrien war für Teheran ein zentraler Bestandteil der Verbindung zum Libanon und zur Hisbollah, während Tartus und Hmeimim Moskau militärische Projektionsmöglichkeiten im östlichen Mittelmeer eröffneten (Blanchard, 2025Spicer & Gebeily, 2024).

Wer stürzte Assad – und warum gerade Ende 2024; Deep Dive

Der Zusammenbruch des Regimes lässt sich nicht sinnvoll mit der Formel „HTS stürzte Assad“ allein erklären. Die Offensive begann am 27. November 2024 im Nordwesten Syriens. Der UN-Sondergesandte für Syrien beschrieb vor dem Sicherheitsrat die al-Fateh-al-Mubeen Operationszentrale als den Verband, der den Angriff über die bisherigen Deeskalationslinien eröffnete; er umfasste Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) sowie weitere bewaffnete Oppositionsgruppen, darunter Kräfte der Syrian National Army (SNA). Innerhalb weniger Tage gingen große Teile der Gouvernements Aleppo und Idlib an nichtstaatliche Akteure verloren (United Nations Security Council, 2024).

HTS war dabei die organisatorisch stärkste Kraft und Ahmed al-Sharaa einer der zentralen strategischen Planer der Nordoffensive, doch die militärische Dynamik beruhte auf mehreren, teilweise nur begrenzt koordinierten Akteursgruppen (Spicer & Gebeily, 2024).

Gerade die Unterscheidung zwischen HTS und SNA ist wichtig. Die SNA ist kein Synonym für HTS, sondern ein von der Türkei unterstütztes Dach unterschiedlicher syrischer Oppositionsgruppen. Reuters rekonstruierte nach dem Sturz Assads, dass HTS und SNA vor Beginn der Offensive zwar Absprachen getroffen hatten, diese Koordination aber begrenzt blieb. Ein wesentliches Ziel bestand darin, parallel operieren zu können, ohne gegeneinander zu kämpfen.

Während HTS-geführte Kräfte von Aleppo über Hama und Homs in Richtung Damaskus vorstießen, nutzten Türkei-nahe SNA-Verbände die neue Lage, um im Norden Gebiete von US-gestützten kurdischen Kräften zu erobern, darunter Tel Rifaat; auch Manbij wurde zum Schauplatz dieser parallelen Offensive (Spicer & Gebeily, 2024). Die verschiedenen Oppositionsakteure teilten den Gegner Assad, nicht aber zwingend dieselben strategischen Prioritäten.

Auch die Rolle der Türkei sollte weder unterschätzt noch überzeichnet werden. Ankara war seit Beginn des Bürgerkriegs einer der wichtigsten Unterstützer der syrischen Opposition, unterhielt eigene Truppen im Norden und unterstützte die SNA. Nach Angaben zweier von Reuters zitierter Quellen hatten Oppositionsvertreter die Türkei Monate vor dem Angriff über ihre Pläne informiert und interpretierten Ankaras Verhalten als stillschweigende Zustimmung. Türkische Regierungsvertreter widersprachen jedoch der Darstellung, die Offensive sei von Ankara angeordnet oder formal „freigegeben“ worden; ein türkischer Vertreter erklärte ausdrücklich, HTS erhalte keine operativen Weisungen von der Türkei.

Belastbar ist daher vor allem: Die Türkei kannte das oppositionelle Umfeld sehr genau, verfügte über erheblichen Einfluss auf Teile der bewaffneten Opposition und wurde nach Assads Sturz zu einem der stärksten externen Akteure – eine direkte türkische Steuerung der HTS-Offensive lässt sich daraus jedoch nicht ableiten (Spicer & Gebeily, 2024).

Im Süden mobilisierten sich gleichzeitig mehrere lokal verankerte ehemalige Rebellenverbände in Daraa, Suwayda und Quneitra erneut. Viele dieser Gruppen hatten bereits seit 2011 gegen Assad gekämpft. Nach den russisch vermittelten „Versöhnungsabkommen“ von 2018 waren sie zwar teilweise formal demobilisiert oder – wie die spätere 8. Brigade in Daraa – nominell in staatliche beziehungsweise russisch geführte Sicherheitsstrukturen integriert worden; politisch waren sie jedoch keineswegs zu verlässlichen Anhängern des Assad-Regimes geworden. Viele behielten ihre lokalen Kommandostrukturen und leichten Waffen und standen dem Regime weiterhin ablehnend gegenüber. Als die HTS-geführte Offensive Ende November 2024 Assads Herrschaft ins Wanken brachte, sahen sie deshalb die Gelegenheit, den seit Jahren militärisch aussichtslosen Kampf wieder aufzunehmen. Dabei ging es nicht nur um den Sturz Assads, sondern auch darum, die eigene Stellung im Süden und Einfluss auf eine künftige politische Ordnung zu sichern. Die Fraktionen aus Daraa, Suwayda und Quneitra bildeten eine gemeinsame Operationsstruktur und koordinierten ihren Vormarsch mit den nördlichen Kräften. Nach der Rekonstruktion der Associated Press erreichten südliche Kämpfer zentrale Teile von Damaskus sogar vor den aus dem Norden kommenden HTS-geführten Verbänden. (Sewell, 2025).

Für die Einordnung der bewaffneten Organisationen ist außerdem eine begriffliche Trennung nötig. HTS war zum Zeitpunkt der Offensive in den Vereinigten Staaten noch als Foreign Terrorist Organization gelistet und wurde von den Vereinten Nationen im Dezember 2024 als terroristische Gruppe bezeichnet (United Nations Security Council, 2024; U.S. Department of State, 2025). Daraus folgt jedoch nicht, dass jede bewaffnete Oppositionsgruppe, die gegen Assad kämpfte, als Terrororganisation eingestuft war.

Der Islamische Staat (IS/ISIS) gehörte beispielsweise nicht zur Koalition, die Assad stürzte. Im Gegenteil: Der IS blieb ein eigenständiger Gegner sowohl der neuen Kräfte als auch der USA und der kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF). Noch am 8. Dezember 2024 griff das U.S. Central Command mehr als 75 bekannte IS-Ziele in Zentralsyrien an, ausdrücklich um zu verhindern, dass die Organisation das Machtvakuum für eine Reorganisation nutzte (Slayton & Schogol, 2024)

Auch andere jihadistische Netzwerke verschwanden mit dem Aufstieg von HTS nicht aus Syrien. Das Congressional Research Service verweist etwa auf Hurras al-Din, eine al-Qaida-nahe Abspaltung, die aus Gegnern von al-Sharaas Distanzierung von al-Qaida hervorging. HTS ging später selbst gegen al-Qaida-nahe Akteure vor. Parallel dazu verfolgten national orientierte Oppositionsgruppen, kurdisch geführte Kräfte, lokale südliche Milizen und ausländisch unterstützte Verbände jeweils eigene Ziele (Blanchard, 2025).

Der militärische Erfolg der Opposition wurde zugleich dadurch begünstigt, dass das Assad-System zu einem außergewöhnlich ungünstigen Zeitpunkt getroffen wurde. Reuters beschrieb die syrischen Streitkräfte Ende 2024 als demoralisiert und organisatorisch ausgehöhlt. Gleichzeitig waren Assads wichtigste externe Unterstützer deutlich weniger handlungsfähig als noch 2015: Russland war durch seinen Krieg gegen die Ukraine gebunden; Iran und vor allem die libanesische Hisbollah waren durch die Konfrontation mit Israel geschwächt. Die Hisbollah hatte bereits vor der Offensive Elitekräfte aus Syrien abgezogen, und israelische Angriffe hatten ihre Führung und militärische Struktur schwer getroffen. Die Offensive begann am 27. November, am selben Tag, an dem die Waffenruhe im damaligen Israel-Hisbollah-Konflikt in Kraft trat (Spicer & Gebeily, 2024).

Israel war damit keine Partei der Rebellenkoalition, spielte für die strategischen Ausgangsbedingungen aber eine indirekte Rolle. Die Schwächung der Hisbollah und iranisch verbundener Strukturen reduzierte jene externe Unterstützung, die Assad in früheren Phasen des Bürgerkriegs vor dem Zusammenbruch bewahrt hatte. Zugleich war Russland nicht bereit oder nicht in der Lage, die militärische Rettungsleistung von 2015 zu wiederholen.

Der Fall Assads war deshalb weniger das Produkt eines einzelnen ausländischen Masterplans als das Zusammentreffen einer besser vorbereiteten HTS-geführten Offensive, paralleler SNA-Operationen, der Remobilisierung südlicher Gruppen, des inneren Verfalls der syrischen Streitkräfte und einer regionalen Machtverschiebung, die Assads wichtigste Schutzmächte schwächte (Blanchard, 2025Sewell, 2025Spicer & Gebeily, 2024).

Vom Dschihadisten zum Präsidenten? Ahmed al-Sharaas Weg nach Damaskus

Kaum eine Biografie macht die politische Transformation Syriens so sichtbar wie die Ahmed al-Sharaas. Gleichzeitig ist gerade hier begriffliche Genauigkeit wichtig. Ihn schlicht als „ehemaligen IS-Anhänger“ zu bezeichnen, wäre verkürzt.

Nach Angaben des Congressional Research Service reiste al-Sharaa in den 2000er-Jahren in den Irak und schloss sich der Organisation an, aus der al-Qaida im Irak (AQI) hervorging. US-Streitkräfte nahmen ihn Mitte der 2000er-Jahre fest; mehrere Jahre verbrachte er in US-Gewahrsam, bevor er um 2010/2011 freikam. Nach Beginn des syrischen Aufstands nahm er Kontakt zu früheren Mitstreitern auf, die inzwischen im Islamic State of Iraq (ISI) organisiert waren, und besprach mit Abu Bakr al-Baghdadi den Aufbau einer jihadistischen Struktur in Syrien (Blanchard, 2025).

Aus diesem Umfeld entstand die Jabhat al-Nusra, deren Anführer al-Sharaa – damals weithin unter seinem Kampfnamen Abu Mohammed al-Jolani bekannt – wurde. Die Nusra-Front entwickelte sich zu einer der militärisch bedeutendsten jihadistischen Gruppierungen im Kampf gegen Assad und war über Jahre al-Qaidas offizieller syrischer Ableger.

2013 versuchte al-Baghdadi, Nusra in den neu ausgerufenen Islamic State of Iraq and al-Sham (ISIS/ISIL) einzugliedern. Al-Sharaa widersetzte sich dieser Eingliederung und bekannte sich stattdessen unmittelbar zu al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri. In den folgenden Jahren kämpften Nusra- und IS-Kräfte gegeneinander. Historisch besteht also eine personelle und organisatorische Verbindung zum irakischen jihadistischen Milieu, aus dem auch der IS hervorging; al-Sharaa war jedoch nicht einfach ein späterer syrischer IS-Kommandeur, der anschließend die Seiten wechselte (Blanchard, 2025).

Der nächste Bruch erfolgte 2016. Al-Sharaa löste die Nusra-Front formell auf und führte sie zunächst als Jabhat Fatah al-Sham weiter; Anfang 2017 ging daraus zusammen mit weiteren islamistischen Gruppen Hay’at Tahrir al-Sham hervor. Al-Qaida kritisierte diesen Kurs und warf al-Sharaa Verrat vor. HTS wiederum ging später gegen al-Qaida-nahe Akteure vor und entwickelte in Idlib mit der Syrian Salvation Government eine eigene Verwaltungsstruktur. Parallel professionalisierte die Organisation Teile ihrer Streitkräfte und konsolidierte ihren territorialen Einfluss. Reuters beschreibt diese Entwicklung als schrittweise Abkehr vom transnationalen „global jihad“ hin zu einer stärker auf Syrien ausgerichteten politischen und militärischen Strategie (Blanchard, 2025Perry & Azhari, 2025).

Damit ist allerdings nicht automatisch die Frage beantwortet, ob aus einer strategischen Neuorientierung auch eine vollständige ideologische Transformation geworden ist. Al-Sharaa hat seit der Machtübernahme staatliche Einheit, Minderheitenschutz und eine Konzentration bewaffneter Gewalt in staatlichen Institutionen versprochen; zugleich blieb die Übergangsordnung wegen der starken Stellung ehemaliger HTS-Kader, der begrenzten institutionellen Kontrolle und schwerer sektiererischer Gewalt, unter anderem gegen alawitische Zivilisten, unter Beobachtung (Blanchard, 2025Perry & Azhari, 2025Human Rights Watch, 2025).

Der relevante Punkt ist deshalb nicht, al-Sharaa nachträglich zum „moderaten“ Gegenbild seiner eigenen Vergangenheit umzudeuten, sondern die außergewöhnliche politische Verschiebung zu erklären: Ein früherer AQI-Akteur und al-Qaida-Kommandeur wurde zum Führer einer territorialen De-facto-Regierung und nach Assads Sturz zum Präsidenten der syrischen Übergangsordnung.

Auch die internationale Behandlung al-Sharaas änderte sich in bemerkenswertem Tempo. Die Vereinigten Staaten widerriefen im Juli 2025 die Einstufung der al-Nusra-Front beziehungsweise HTS als Foreign Terrorist Organization (U.S. Department of State, 2025). Am 6. November 2025 beschloss der UN-Sicherheitsrat mit Resolution 2799, al-Sharaa persönlich von der ISIL/Da’esh- und al-Qaida-Sanktionsliste zu streichen (United Nations Security Council, 2025). Diese Entscheidungen sind keine historische Entlastung seiner früheren Zugehörigkeiten; sie markieren die politische Neubewertung eines Akteurs, der inzwischen einen Staat führt und mit dem internationale Regierungen praktische Beziehungen organisieren müssen.

Syrien wechselt nicht einfach das Lager

Nach Dezember 2024 entwickelte die neue syrische Führung Beziehungen zu mehreren Machtzentren gleichzeitig.

Ankara spricht inzwischen ausdrücklich von einer strategischen Zusammenarbeit mit Damaskus und verknüpft Syriens Stabilität eng mit der eigenen Sicherheit. Bei hochrangigen Gesprächen Ende 2025 standen neben regionaler Sicherheit auch die Integration der SDF, der Kampf gegen den IS sowie Handel, Energie, Logistik und Wiederaufbau auf der Agenda (Republic of Türkiye Ministry of Foreign Affairs, 2025).

Auch die westliche Politik veränderte sich schnell. Die Vereinigten Staaten beendeten mit Executive Order 14312 zum 1. Juli 2025 zentrale Teile des langjährigen Syrien-Sanktionsregimes und begründeten dies mit den grundlegend veränderten politischen Umständen sowie dem Ziel eines stabilen und geeinten Syriens (The White House, 2025). Die Europäische Union hob im Mai 2025 ihre wirtschaftlichen Restriktionen gegen Syrien weitgehend auf; sicherheitsbezogene Maßnahmen blieben bestehen. Im Mai 2026 stellte der Rat zudem die vollständige Anwendung des EU-Syrien-Kooperationsabkommens wieder her und bezeichnete dies als Schritt zur Stärkung der bilateralen Beziehungen und zur Unterstützung der sozioökonomischen Erholung (Council of the European Union, 2025, 2026).

Im Süden Syriens entstand gleichzeitig eine andere Sicherheitsdynamik. Das Congressional Research Service hielt 2025 fest, dass Israel nach Assads Sturz in zuvor demilitarisierte Bereiche sowie in syrisches Gebiet nahe der Grenze vorgedrungen war; UN-Berichte dokumentierten die fortgesetzte israelische Präsenz und die Ausweitung militärischer Aktivitäten im Umfeld des besetzten syrischen Golan (Blanchard, 2025United Nations Secretary-General, 2025). Israel begründete Teile seines Vorgehens mit eigenen Sicherheitsinteressen und später auch mit dem Schutz der drusischen Minderheit; Damaskus wertete die Präsenz und Angriffe als Verletzung seiner Souveränität.

Trotz dieser Konfrontation entwickelten sich parallel direkte Sicherheitskontakte. Im Juli 2026 erklärte al-Sharaa, Syrien strebe ein Sicherheitsabkommen mit Israel an, das langfristig auch einen umfassenderen Frieden ermöglichen könne, ohne den syrischen Anspruch auf die Golanhöhen aufzugeben. Reuters berichtete zugleich, dass israelische Truppen seit Dezember 2024 strategische Positionen einschließlich der syrischen Seite des Hermon eingenommen und weiterhin militärische Operationen in Syrien durchgeführt hatten (Reuters, 2026).

Auch Russland verschwand nicht vollständig aus Syrien. Im August 2026 einigten sich Damaskus und Moskau nach rund 18 Monaten Verhandlungen auf eine neue Regelung für Tartus und Hmeimim. Nach Angaben des syrischen Außenministeriums soll der syrische Staat die zivilen Bereiche, darunter den zivilen Teil des Flughafens Hmeimim und einen kommerziellen Liegeplatz in Tartus, stärker selbst verwalten. Die militärischen Einrichtungen sollen unter neuen Bedingungen in gemeinsame Ausbildungs- und Qualifizierungszentren überführt werden. Russland verliert damit einen Teil der privilegierten Stellung, die es unter Assad besaß, behält aber eine militärische Kooperations- und Präsenzstruktur im Land (Reuters, 2026).

Hinzu kommen arabische Akteure. Saudi-Arabien verfolgt nach dem Sturz Assads eine eigene Strategie, die Stabilisierung und Wiederaufbau mit dem Versuch verbindet, iranischen Einfluss begrenzt zu halten und zugleich türkische und israelische Machtprojektion auszubalancieren. Alghannam (2025) beschreibt Syrien deshalb als ein neues „game of nations“, in dem Riad nicht nur auf Teheran reagiert, sondern gleichzeitig mit Ankara kooperiert und konkurriert sowie israelische Schritte im Süden kritisch bewertet.

Syrien ist damit nach Assads Sturz weder einfach aus einem russisch-iranischen in einen türkisch-westlichen Block gewechselt, noch wurde die frühere Konkurrenzordnung durch eine neue eindeutige Abhängigkeit ersetzt. Die Türkei verfügt über großen Einfluss, kontrolliert aber nicht alle ehemaligen Oppositionsakteure; die USA und die EU normalisieren Teile ihrer Beziehungen; Israel verbindet militärischen Druck mit Verhandlungen; Saudi-Arabien verfolgt eigene Interessen; Russland behält eine reduzierte Präsenz; Iran dagegen hat mit Assad einen zentralen Pfeiler seiner Levante-Strategie verloren.

Die Folgen dieses Umbruchs reichen jedoch weit über Syrien hinaus. Besonders tief treffen sie Iran, dessen regionale Sicherheitsstrategie über Jahrzehnte auf einem Netzwerk verbündeter Staaten und bewaffneter Gruppen beruhte – und für das Syrien ein zentrales logistisches und strategisches Bindeglied darstellte. Der Sturz Assads führt deshalb unmittelbar zur nächsten Frage: Was geschieht mit einer Stellvertreterstrategie, wenn einer ihrer wichtigsten Knotenpunkte wegbricht?

Iran: Wenn Stellvertreter nicht mehr ausreichen

Über Jahrzehnte baute Teheran Beziehungen zu regionalen Partnern und bewaffneten Gruppen auf – von der Hisbollah im Libanon über schiitische Milizen im Irak bis zu den Huthi im Jemen (Robinson & Merrow, 2024).

Diese Strategie entstand nicht allein aus dem Ziel regionaler Machtprojektion. Sie entwickelte sich auch aus einer iranischen Sicherheitswahrnehmung, die stark durch den Iran-Irak-Krieg, die konventionelle militärische Unterlegenheit gegenüber den Vereinigten Staaten und Israel sowie die amerikanische Militärpräsenz in Irans unmittelbarer Nachbarschaft geprägt wurde. Statt einen möglichen Konflikt erst an den eigenen Grenzen auszutragen, versuchte Teheran, strategische Tiefe aufzubauen, Gegner außerhalb des eigenen Territoriums zu binden und durch Vergeltungsmöglichkeiten auf mehreren regionalen Schauplätzen Abschreckung zu erzeugen. Diese Strategie wird häufig als „forward defense“ bezeichnet (Reisinezhad, 2026).

Die einzelnen Partner entstanden dabei unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Die Hisbollah entwickelte sich nach der israelischen Invasion des Libanon 1982 aus einem lokalen schiitischen Widerstandsmilieu und wurde von Iran maßgeblich mit aufgebaut und unterstützt. Im Irak nutzte Teheran nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 neue politische und militärische Handlungsspielräume und vertiefte Beziehungen zu schiitischen Parteien und Milizen. Die Huthi wiederum sind eine eigenständige jemenitische Bewegung, deren Beziehung zu Iran erst im Verlauf des jemenitischen Konflikts erheblich enger wurde (CFR, 2026).

Über die Quds Force der Revolutionsgarden verband Teheran staatliche und nichtstaatliche Akteure in Libanon, Syrien, Irak und Jemen miteinander. Besonders Syrien erfüllte innerhalb dieser Architektur eine Schlüsselrolle. Über den Irak und Ostsyrien verliefen Landverbindungen bis in den Libanon, über die Iran seine Verbündeten versorgen und insbesondere die Hisbollah militärisch unterstützen konnte. Iranisch verbundene Kräfte kontrollierten oder beeinflussten dafür strategisch wichtige Räume entlang der irakisch-syrischen Grenze und des Korridors zwischen al-Qa’im und al-Bukamal (Hasan & Khaddour, 2020Jalal, 2025).

Die Hisbollah war dabei nicht nur Empfänger iranischer Unterstützung, sondern selbst militärischer Akteur in Syrien und wichtiger Bestandteil dieses grenzüberschreitenden Sicherheitsnetzwerks. Im Jemen und Irak ergänzten Ansar Allah beziehungsweise Iran-nahe Fraktionen innerhalb der Popular Mobilization Forces diese Struktur und ermöglichten Teheran, Druck auf Gegner an mehreren geografisch voneinander entfernten Fronten auszuüben (Jalal, 2025Khaddour & Tokmajyan, 2024).

Der Verlust Syriens trifft deshalb nicht nur einen einzelnen Verbündeten, sondern die Verbindungsarchitektur dieses Systems. Mit Assads Sturz verlor Iran einen Staat, der über Jahrzehnte politischen Zugang zur Levante gewährleistet und als logistisches Bindeglied zur Hisbollah fungiert hatte. Der Council on Foreign Relations bezeichnete Syrien nach dem Regimewechsel entsprechend als einen der kritischsten Knotenpunkte des iranischen Proxy-Netzwerks: Die neue Ordnung erschwert den Transport von Waffen und anderem Material in den Libanon und begrenzt die Möglichkeiten der Revolutionsgarden, die Hisbollah über syrisches Territorium zu unterstützen (Hoffman, 2024).

Das bedeutet allerdings nicht das Ende des iranischen Einflussmodells. Iran-nahe Milizen bleiben insbesondere im Irak institutionell und militärisch relevant, während Ansar Allah im Jemen durch seine Raketen-, Drohnen- und maritimen Fähigkeiten an strategischem Gewicht gewinnen könnte. Wird eine Front geschwächt, versucht Teheran, andere Teile des Netzwerks stärker zu nutzen. Der Sturz Assads verändert deshalb weniger das grundsätzliche Prinzip iranischer Stellvertreterpolitik als dessen geografische Möglichkeiten und zwingt Teheran zu einer strategischen Neuordnung (Hoffman, 2024Jalal, 2025).

Diese Neuordnung fällt in eine Phase, in der weitere Pfeiler des iranischen Einflussmodells unter Druck geraten sind. Die Hisbollah erlitt im Krieg mit Israel schwere Verluste, während sich die jahrzehntelang überwiegend indirekt geführte Konfrontation zwischen Israel und Iran zunächst 2025 und noch stärker 2026 zu einer direkten militärischen Auseinandersetzung entwickelte. Der Council on Foreign Relations zählt den Konflikt zwischen Iran, Israel und den Vereinigten Staaten inzwischen ausdrücklich zu den zentralen Konfliktrisiken des Jahres 2026.

Auf den ersten Blick scheint diese direkte Gewalt gegen die Cold-War-Analogie zu sprechen. Tatsächlich zeigt sie vor allem deren Grenze.

Proxy Warfare ist kein stabiler Endzustand. Stellvertreter werden eingesetzt, weil direkte Intervention teuer, politisch riskant oder eskalationsgefährlich ist. Wenn Abschreckung versagt oder indirekte Instrumente ihre Wirkung verlieren, kann aus einem Stellvertreterkonflikt direkte Gewalt zwischen den dahinterstehenden Akteuren entstehen. Auch die Forschung zum modernen Nahen Osten beschreibt diesen Übergang von indirekter Unterstützung zu direkter Intervention (Rondeaux & Sterman, 2022).

Das „2.0“ eines neuen Kalten Krieges besteht damit gerade nicht in einer reinen Wiederholung der klassischen Stellvertreterlogik. Direkte und indirekte Konfliktformen können nebeneinander existieren und ineinander übergehen, während regionale Akteure selbst entscheiden, welche Beziehungen zu Großmächten sie für welche Ziele nutzen.

China wird nicht zum neuen Schutzpatron Irans

Eine weitere Versuchung besteht darin, den Bedeutungsverlust Russlands im Nahen Osten automatisch als Aufstieg Chinas zum neuen östlichen Patron zu interpretieren.

Auch das greift zu kurz.

China unterstützt Iran wirtschaftlich erheblich und profitiert strategisch davon, wenn die Vereinigten Staaten Ressourcen und Aufmerksamkeit im Nahen Osten binden. Dennoch weist die chinesische Politik bislang kaum darauf hin, dass Beijing bereit wäre, die klassische sowjetische Rolle eines militärischen Schutzpatrons zu übernehmen.

Analysen von Brookings beschreiben Iran aus chinesischer Sicht als wichtigen, aber keineswegs unverzichtbaren Partner; Chinas Interesse besteht wesentlich stärker in regionaler Stabilität, Energieversorgung und wirtschaftlichem Zugang als in einer ideologisch begründeten Allianz (Hass & Matthias, 2026Ministry of Foreign Affairs of the People’s Republic of China, 2026).

Russland kann Iran militärisch und diplomatisch unterstützen, ohne umfassenden Schutz garantieren zu können. China kann dessen Wirtschaft stabilisieren, ohne für Teheran Krieg führen zu wollen. Die Vereinigten Staaten können Golfstaaten militärisch absichern, während dieselben Staaten gleichzeitig wirtschaftliche Beziehungen zu China vertiefen.

Gerade Chinas Verhalten gegenüber Iran verweist damit auf eine weitere Veränderung der internationalen Konkurrenz: Macht bemisst sich nicht allein daran, wen ein Staat militärisch schützen oder besiegen kann. Sie kann ebenso daraus entstehen, wirtschaftliche Abhängigkeiten zu schaffen, diplomatische Handlungsspielräume zu kontrollieren und für konkurrierende Staaten gleichzeitig unverzichtbar zu werden.

Die neue Front verläuft auch durch Lieferketten

Hier kommt Geoeconomics ins Spiel.

Edward Luttwak beschrieb Geoeconomics bereits 1990 als eine Übertragung der Logik des Konflikts auf die Mittel des Handels (Luttwak, 1990). Auch während meines Masters wurde Geoeconomics als Einsatz wirtschaftlicher Instrumente zur Förderung nationaler Interessen und geopolitischer Ziele beschrieben.

Drei Jahrzehnte Globalisierung haben Rivalen geschaffen, die gleichzeitig voneinander abhängig sind. Das schwächt die heutige Systemkonkurrenz nicht, sondern gibt ihr zusätzliche Instrumente.

Die WTO sieht inzwischen deutlich stärkere Fragmentierung entlang geopolitischer Linien. 2025 gingen US-Importe aus China um 29 Prozent zurück, während China Handelsströme stärker nach Asien, Afrika und Lateinamerika umlenkte. Gleichzeitig liefen Anfang 2026 weiterhin rund 72 Prozent des Welthandels unter normalen WTO-Meistbegünstigungsbedingungen (Staiger, 2026).

Die Welt entkoppelt sich und bleibt gleichzeitig verflochten.

Ähnliches zeigt sich bei Investitionen. Laut UNCTAD stiegen die weltweiten ausländischen Direktinvestitionen 2025 wieder auf rund 1,6 Billionen US-Dollar. Gleichzeitig entfielen bereits 44 Prozent des Werts neuer Greenfield-Projekte auf strategische Bereiche wie digitale Infrastruktur, Halbleiter, kritische Rohstoffe und Technologien der Energiewende – gegenüber 16 Prozent im Jahr 2020 (United Nations Conference on Trade and Development, 2026).

Kapital folgt damit nicht mehr nur Rendite, sondern zunehmend auch Sicherheitslogiken.

Noch offensichtlicher wird das bei kritischen Rohstoffen. Die Internationale Energieagentur warnt 2026 vor steigender Konzentration bei Verarbeitung und Raffinierung wichtiger Mineralien. Bei mehreren strategischen Materialien kontrolliert China mehr als 90 Prozent der globalen Raffineriekapazität; gleichzeitig haben Exportbeschränkungen stark zugenommen (International Energy Agency, 2026).

Handel, Häfen, Energie, Halbleiter, Rohstoffe, Dateninfrastruktur und Lieferketten werden damit zu Bestandteilen derselben strategischen Konkurrenz, die früher stärker über Panzerdivisionen und Militärbasen definiert wurde.

Und der Nahe Osten verbindet beide Welten

Kaum irgendwo treffen militärische und geökonomische Macht so unmittelbar aufeinander wie im Nahen Osten.

Die Straße von Hormus ist dafür das derzeit sichtbarste Beispiel. Der Konflikt mit Iran hat den Schiffsverkehr durch einen der wichtigsten Energiekorridore der Welt erheblich reduziert und Öl- und Gasversorgung weltweit unter Druck gesetzt. Im August 2026 ist der Transit weiterhin massiv eingeschränkt, während Iran und die Vereinigten Staaten über die Kontrolle der Wasserstraße streiten (U.S. Energy Information Administration, 2026Reuters, 2026).

Damit erhält ein regionaler Krieg globale ökonomische Wirkung – und wirtschaftliche Abhängigkeit beeinflusst wiederum militärisches Verhalten.

China benötigt Stabilität im Golf für seine Energieversorgung. Europa braucht offene Handelswege. Mehrere Golfstaaten bleiben sicherheitspolitisch eng an die USA gebunden, wollen sich aber nicht vollständig in eine amerikanisch-chinesische Systemkonfrontation hineinziehen lassen. Die Türkei versucht, ihre geografische Position, ihre Verteidigungsindustrie und ihre Beziehungen zu Europa, Russland und der arabischen Welt gleichzeitig strategisch zu nutzen.

Der Nahe Osten verbindet damit die militärische und die geökonomische Dimension der neuen Konkurrenz besonders deutlich.

Kalter Krieg 2.0 – vielleicht erst im Rückblick

Ob Historiker die gegenwärtige Epoche irgendwann tatsächlich als zweiten Kalten Krieg bezeichnen werden, lässt sich heute nicht beantworten. Entscheidend ist weniger das Etikett als die Frage, ob sich eine strategische Logik erkennen lässt, die den Vergleich trägt.

Das ist der Fall, solange Großmächte dauerhaft um Einfluss, Sicherheit und internationale Ordnung konkurrieren, ohne ihre gesamte Rivalität unmittelbar militärisch gegeneinander auszutragen. Diese Konkurrenz reicht über einzelne Kriege hinaus und umfasst neben militärischer Macht auch Technologie, Handel, Energie, Rohstoffe, Infrastruktur und politische Beziehungen.

Der entscheidende Unterschied zum ersten Kalten Krieg liegt jedoch in der Struktur dieser Konkurrenz. Sie zerfällt nicht mehr in zwei geschlossene Lager. Strategische Partnerschaften führen nicht automatisch zu militärischer Beistandspflicht, und dieselben Staaten können sicherheitspolitisch, wirtschaftlich und diplomatisch mit unterschiedlichen Machtzentren verbunden sein.

Zugleich besitzen regionale Akteure erheblichen eigenen Handlungsspielraum. Die Türkei, Saudi-Arabien, Iran oder die neuen Machthaber Syriens handeln nicht einfach im Auftrag Washingtons, Moskaus oder Beijings. Sie schließen eigene Bündnisse, wägen konkurrierende Beziehungen gegeneinander ab und versuchen, die Konkurrenz der Großmächte für ihre eigenen politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Ziele zu nutzen.

Der Nahe Osten macht diese Entwicklung besonders sichtbar. Assads Sturz erschütterte eine etablierte russisch-iranische Einflussarchitektur, ohne Syrien einem neuen geschlossenen Block zuzuordnen. Irans Stellvertreternetzwerk gerät unter Druck, ohne dass China oder Russland automatisch als neue Schutzmächte einspringen. Direkte und indirekte Konfliktformen gehen ineinander über, während neue regionale Sicherheitsbeziehungen entstehen und wirtschaftliche Verflechtungen politische Lagergrenzen durchbrechen.

Vielleicht wird diese Epoche rückblickend anders bezeichnet werden: als multipolare Neuordnung, als Ende der amerikanischen Unipolarität oder als Phase regionaler Machtkämpfe innerhalb einer globalen Systemkonkurrenz. Der analytische Wert des Begriffs „Kalter Krieg 2.0“ liegt deshalb nicht in der Behauptung, dass sich 1960 wiederholt. Er beschreibt vielmehr die Fortsetzung einer strategischen Konkurrenz unter grundlegend veränderten Bedingungen:

Weniger zwei Blöcke, mehr überlappende Netzwerke. Weniger eindeutig verteilte Rollen, mehr eigenständige Machtzentren. Und Akteure, die früher häufig als Stellvertreter betrachtet wurden, bestimmen zunehmend selbst, für wen, mit wem und wofür sie kämpfen.

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